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Musical

Rebellische Prinzessin - Andrew Lloyd Webbers «Cinderella»

London (dpa)

Andrew Lloyd Webber hat eine Anti-Cinderella erschaffen, die aneckt und rebelliert. Musikalisch bedient sich der Komponist bei Walzer über Pop bis hin zu R'n'B-Anklängen.

Von Christoph Meyer, dpa

Der britische Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber erzählt von einer rebellischen Cinderella. Foto: Caroline Seidel/dpa

Andrew Lloyd Webber liebt Risiken. «Das ist das Schönste», sagte er einmal dem US-Sender NBC. Mit seinem neuen Musical «Cinderella» dürfte er tatsächlich ein Wagnis eingegangen sein - denn es gibt kaum eine Geschichte, die häufiger erzählt wurde als das Kindermärchen vom Aschenputtel.

Cinderella muss also erst einmal dekonstruiert werden, bevor das Märchen mit neuem Glanz wiederauferstehen kann. Und genau das machen Webber und die Skript-Autorin Emerald Fennell mit Ironie und einem Blick für Aktualität in dem Stück. Das Album erscheint am 9. Juli.

Die Hauptrolle hat die britische Schauspielerin und Sängerin Carrie Hope Fletcher, die eine Anti-Cinderella gibt. Anstatt sich in die Rolle des unterdrückten, aber liebreizenden Aschenputtels zu fügen, ist Webbers Cinderella eine rebellische, unangepasste junge Frau. Es ist eine «Bad Cinderella», die sich nicht um ihr Äußeres und die Meinung anderer schert und im gleichnamigen poppigen Song eine Art Manifest ablegt.

Webber weiß, was eine gute Story ausmacht, und so beraubt er das Märchen zunächst um eine der Hauptfiguren. Prinz Charming verschwindet spurlos, und so muss sein jüngerer Bruder Sebastian in dessen Fußstapfen als Thronfolger treten. Zufälligerweise ist er der beste - und einzige - Freund Cinderellas, aber nicht gerade ein Adonis wie sein Bruder. Die Freundschaft leidet zunächst unter dem unerwarteten Ruhm, doch später entdecken die beiden eine romantische Ebene für ihre Beziehung, und so finden Webber und Fennell doch wieder einen Weg zurück zur Cinderella-Lovestory.

Mit der Musik, die unverkennbar Webber-Merkmale trägt, unternimmt der 73-Jährige einen Streifzug quer durch die Musikgeschichte - vom Walzer über Pop bis hin zu R'n'B-Anklängen ist alles dabei. Der Brite enttäuscht nicht. Songs wie «Bad Cinderella» oder «I Know I have A Heart (Because You Broke It)» sind nur schwer wieder aus dem Ohr zu bekommen.

Eigentlich hätte das Musical bereits im August 2020 Premiere feiern sollen, doch Corona machte dem Londoner West End einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Die Showbranche atmete zunächst auf, als Premierminister Boris Johnson Ende Februar ein Ende aller Corona-Maßnahmen ankündigte - nur um später erneut einen Rückschlag zu erleiden: Der für den 21. Juni geplante «Freedom Day», zu dem keine lästigen Abstandsregeln im Publikum mehr eingehalten werden müssen, wurde wegen der starken Ausbreitung der Delta-Variante verschoben.

Zwar dürfen Theater in England bereits seit Mitte Mai wieder Gäste empfangen, doch wegen der Abstandsregeln konnten sie nur die Hälfte ihrer Kapazität auslasten. Für Webber ein Unding, denn finanziell erfolgreich kann man damit nicht sein, wie er erklärte.

Der Maestro witterte Ignoranz in der Johnson-Regierung und ärgerte sich über beinahe volle Sportstadien und Pubs. Die Gesundheitsbehörde Public Health England habe «keinen Schimmer», wie die Branche funktioniere, wetterte er. «Wenn das alles so ernst genommen würde, wie es sollte, dann müsste wieder alles geschlossen werden, und wir hätten fair behandelt werden können.» Einen Olivenzweig der Regierung, die anbot, für sein Musical als Pilotprojekt eine Ausnahme zu machen, lehnte er in Solidarität mit anderen Theatern ab.

Rebellisch wie seine «Bad Cinderella», war Webber auch bereit, die Regeln zu brechen. Er werde aufmachen - koste es was es wolle, verkündete er trotzig. Dann müsse eben die Polizei kommen und alle festnehmen. Da Johnson nun aber mit dem neuen Termin für das Ende aller Restriktionen am 19. Juli ernst machen will, ist auch Webber wieder einigermaßen versöhnt. Zu spät zwar für seine Premiere, um vor vollem Haus zu spielen, aber immerhin.

Werden sich das Risiko und die Ausdauer Webbers auszahlen? Vieles spricht dafür, dass er mit «Cinderella» an die Erfolge früherer Musicals wie «Jesus Chris Superstar», «Phantom of the Opera», «Cats» oder «Evita» anknüpfen kann.

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