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Historiker Peter H. Wilson über Krieg und Frieden in Europa 1618-1648

„Raffinierter Verfassungsmechanismus“

Münster

Einsichten in das Wesen des Dreißigjährigen Kriegs versprach der Dialog zweier Größen der Historiographie im Landesmuseum in Münster: Barbara Stollberg-Rilinger, Professorin im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster, befragte den britischen Historiker Peter H. Wilson. 2009 war Wilsons monumentales Werk „Thirty Years War“ erschienen, seit Kurzem liegt eine deutsche Übersetzung vor. Die Religion sei einigen Akteuren sehr wichtig gewesen, aber nicht den zentralen, unterstreicht Wilson. Heerführer des katholischen Kaisers sei ein Calvinist gewesen, einer seiner Parteigänger ein Protestant: Mit Hilfe des Kriteriums Religion allein, so Wilson, sei die Parteizugehörigkeiten nicht erklärbar. Die meisten Akteure hätten „eher pragmatisch“ gehandelt und begrenzte politische Ziele verfolgt, sagte Stollberg-Rilinger. „Moderate versus Militante“ lautete der Unterschied, „etwas, das uns heute ganz furchtbar bekannt vorkommt.“ Dennoch sei die Trennlinie Religion seit dem 19. Jahrhundert verstärkt genutzt worden, um die Darstellung zu vereinfachen.

unseremMitarbeiterAndreas Hasenkamp

Die Historiker Barbara Stollberg-Rilinger und  Peter H. Wilson Foto: Andreas Hasenkamp

„Äußerst vorsichtig“ zu sein empfiehlt Wilson bezüglich der von Stollberg-Rilinger aufgeworfenen Frage nach Parallelen zum Geschehen in der islamischen Welt: Diese habe „keinen ,Westfälischen Frieden’ erlebt, auch nicht die Trennung von Politik und Religion“. Die Anführer in Europa hätten damals immer wieder Zweifel gehabt, ob denn Gott wirklich auf ihrer Seite sei, und Angst vor dem Verpassen einer Friedens-Chance.

Die 1648 gefundenen Lösungen standen schon zu Beginn des Krieges im Raum, so Wilson, eine Kette von Fehlentscheidungen lag dazwischen in einem Krieg, der sich selbst nährte.

Der „Westfälische Friede“ steht vielfach als Begriff für den Beginn eines Systems souveräner Staaten. Ein solches habe sich jedoch erst später durchgesetzt, merkte Wilson an. Durchgesetzt habe sich „ein raffinierter Verfassungsmechanismus“, es sei nicht mehr über Wahrheit gestritten worden, sondern um Besitztümer wie Ländereien. „Es ging nicht mehr um Wahrheit“, die Religion sei aus der Politik herausgezogen worden. Toleranz sei das nicht gewesen, merkte Stollberg-Rilinger an. Geduldet wurde, wenn es nicht mehr anders ging.

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