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Regisseur Valentin Schwarz scheitert in Bayreuth trotz guter Ideen am „Ring des Nibelungen“

Systemsprenger im Buh-Orkan

Bayreuth

Was sich schon im „Rheingold“ angedeutet hatte, erfüllte sich nach dem Abschluss von Wagners „Ring“ mit der „Götterdämmerung“: Dem Regisseur Valentin Schwarz und seinem Team schallte ein wahrer Orkan von Buhrufen entgegen, durchsetzt mit der lautstarken Forderung „Absetzen!“. Nur wenige Bravorufer hielten dagegen.

Von Harald Suerland

Irene Theorin steht hier als Brünnhilde auf recht leerer Bühne. Später folgt ein leerer Pool mit Bauzäunen. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreu

Das Kind kann schon laufen! Die Zuschauer sind überrascht, weil sie gar nicht wussten, dass zwischen der Begegnung Siegfrieds mit Brünnhilde und dem Beginn der „Götterdämmerung“ so viele Jahre vergangen sind – noch gar, dass das Paar Nachwuchs hat. Aber Regisseur Valentin Schwarz Weiß ja so manch Neues zu erzählen in seiner Bayreuther „Ring“-Inszenierung. Und geht dann, fast schon erwartbar, mit dem Spross des Waisenkindes Siegfried nicht gerade zimperlich um: Erst erscheinen dem Kind drei garstig glibbrige Geister, später wird es gefesselt und geknebelt, um der Vergewaltigung seiner Mutter nicht im Weg zu sein, und am Ende bleibt es seinerseits als Waise zurück oder stirbt gar. Obwohl der Regisseur doch mit dem Schlussbild der friedlichen Zwillings-Embryonen suggeriert, alles sei wieder gut.

Fehlende Konsequenz

Gewiss, es gibt auch im gewaltigen Finale von Wagners vierteiligem „Ring des Nibelungen“ interessante Ideen, Wagners Geschichten fortzuschreiben und mit dem Blick auf fatale Familienverhältnisse ihre Zeitlosigkeit zu akzentuieren: Verfeindete Brüder bekriegen einander, Kinder werden von den Erwachsenen missbraucht, und die wiederum müssen später grausame Rachetaten der groß gewordenen Systemsprenger erleiden.

Leider geht das Ganze zu oft nicht auf, fehlt es an Konsequenz, das neu Erdachte fortzuspinnen. Die Walhall-Pyramide ist ein Symbol ohne Sinn; die Pistole wird zum altbekannten Schwert, weil der altbekannte Speer erst fehlt und dann als Pistole daherkommt – und und und. Der Kniff des Regisseurs, bestimmte Schlüsselstellen der Partitur und ihr szenisches Pendant zu trennen (wie Sieglindes Schwangerschaft oder Siegfrieds Schmieden), wirkt mal gewitzt, mal unverständlich. Und darin liegt die größte Crux: „Ring“-Kundige können sich das Ganze zusammenklamüsern wie ein Gesellschaftsspiel für Schlaumeier. Aber was ist mit all jenen, die nicht so gut im Stoff sind? Regie-Legende Patrice Chereau hat den „Ring“ einst so spannend wie klar erzählt, Provokateur Frank Castorf schuf starke neue Bilder. Schwarz und sein Team hingegen bemühen zwar in der „Götterdämmerung“ allerlei Fernseh-Zitate zwischen den Geissens und Game of Thrones (am Ende kommt hingegen „Salome“ vorbei), bieten aber im zweiten Aufzug unfassbar langweiliges Herumsteh-Theater. Wie sagt schon Brünnhilde, die hinter Bauzaun und Flatterband ihren Schlussgesang beginnt: „Wo ist nun mein Wissen gegen dies Wirrsal?“ Der Buh-Orkan, der sich seit Tagen grummelnd andeutete, fiel am späten Freitagabend entsprechend heftig aus, kaum relativiert durch ein paar Bravo-Bekundungen. Um aus dieser „Ring“-Inszenierung für die nächsten Jahre noch etwas zu machen, muss die „Werkstatt Bayreuth“ so einige Zusatzschichten investieren.

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Musikalisch stabilisiert

Musikalisch hatte sich in diesem vielfach zur Improvisation gezwungenen „Ring“ das Orchesterspiel unter dem eingesprungenen Cornelius Meister seit „Siegfried“ stabilisiert: Das kann noch richtig gut werden, nur ein paar Ritardandi könnte er sich sparen. Heldentenor Stephen Gould und sein Ersatzmann fielen krankheitsbedingt aus und mussten durch den höhensicheren und kraftvollen „Siegfried“ Clay Hilley ersetzt werden, der ebenso wie die vibra­tosatte „Brünnhilde“ Iréne Theorin vom Publikum gefeiert wurde. Was aus der Schlüsselfigur Hagen wird, erfährt man szenisch leider auch nicht, ist aber dankbar, dass der einstige „Wotan“ Albert Dohmen diese Rolle so intensiv gestaltet. Stark das Geissen-Gibichungen-Paar Elisabeth Teige und Michael Kupfer-Radecky (der bei der „Walküre“ eingesprungen war), den kleinen vokalen Glanzpunkt bot Crista Mayer als Waltraute.

Am Samstag, als die „Götterdämmerung“ im Fernsehen gezeigt wurde, gab es übrigens Details zu sehen, die man in Reihe 26 des Festspielhauses bestenfalls erahnen kann. Und Unter- oder Übertitel sind der unerfüllte Traum manches Festspiel-Besuchers.

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