Eine ungewöhnliche Konstellation in Bayreuth

Russen auf dem Grünen Hügel

Bayreuth

Ob dem russischen Dirigenten Valery Gergiev diese Szenen wohl gefallen? Im dritten Akt der neuen Bayreuther „Tannhäuser“-Inszenierung erscheint direkt vor seinen Augen die Liebesgöttin Venus in der Maske einer Pussy­Riot-Punkerin. Und selbst bei den Schlussvorhängen reckt die russische Sängerin Elena Zhidkova die Faust in die Höhe wie eine Femen-Aktivistin.

unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Elena Zhidkova als Venus (zwischen „Tannhäuser“ Stephen Gould und „Oskar“ Manni Laudenbach) hat die Stiefel geschnürt. Später trägt sie eine Pussy-Riot-Maske. Foto: Bayreuther Festspiele Enrico Nawrath

Gergiev, der Putin-Freund, gilt als exzentrisch-genialischer Musiker, der sich eine Partitur in kürzester Zeit draufschaffen kann, aber die Probenarbeit gern den Assistenten überlässt. Hier eben ein Verdi, dort schnell ein Wagner – das ist nicht gerade die Haltung, die man von erfolgreichen Bayreuth-Dirigenten wie Kirill Petrenko oder Christian Thielemann kennt. Festspielleiterin Katharina Wagner versicherte vorab zwar, der russische Dirigent habe alle vertraglich geregelten Probentermine erfüllt, wenn auch zwei davon mit Verspätung – aber das klang verdächtig nach Minimal-Erfüllung. Eine „Tannhäuser“-Premiere, die musikalisch schwankend geriet und neben den Buhrufen viele kritische Stimmen hervorrief, war die Folge.

Womöglich galten die Buhs auch der politischen Haltung Gergievs – und der ihm nachgesagten Homophobie. Worauf der Regisseur Tobias Kratzer vorab schon eine künstlerische Antwort gegeben hatte. Denn das Venus-Völkchen in seiner Inszenierung setzt sich ja aus der aufmüpfigen Heldin, dem gegen die Erwachsenen opponierenden Blechtrommler Oskar und der Drag-Queen Le Gateau Chocolat zusammen, die das Toleranzsymbol der Regenbogenfahne beim Sängerkrieg platziert. Mehr Zeichen einer Putin-kritischen Haltung auf dem Grünen Hügel sind kaum vorstellbar – in einem Jahr, in dem Putin-Freund Gergiev die von Putin-Freund Gerhard Schröder besuchte Premiere dirigiert, bevor die Putin-freundliche Anna Netrebko Mitte August zwei Vorstellungen des „Lohengrin“ singt. Übrigens: Für die „Tannhäuser“-Wiederaufnahme im kommenden Jahr hat Gergiev keine Zeit. Termine, Termine ...

Wiederkehren werden gewiss Manni Laudenbach und „Le Gateau Chocolat“, die beiden von Regisseur Tobias Kratzer eingeführten Venus-Gefährten. Der kleinwüchsige Laudenbach, der im dritten Akt einen traurig zurückgebliebenen Blechtrommler spielt, entwickelt sich nach dpa-Informationen zum Publikumsliebling der aktuellen Saison. Le Gateau Chocolat hingegen hörte bei der Premiere auch Buhs – die wohl mehr der überraschenden Tatsache einer Drag Queen im „Tannhäuser“ galten als dem Künstler selbst. Allerdings spielt er zusätzlich eine Rolle, die sowohl von Opernbesuchern als auch von Zaungästen mit liebevollem Interesse verfolgt wird: Der Weiher am Fuß des Grünen Hügels wurde zu seinem Revier gemacht, in dem er in der ersten Pause mit Songs und Arien unterhält.

Beim „Parsifal“ gegen Ende dieser Bayreuther Premierenwoche wirkte am Pult, wie schon im vergangenen Jahr, noch ein gebürtiger Russe: der Dirigent Semyon Bychkov, der 1975 in die USA emigriert war und jetzt Chef der Tschechischen Philharmonie ist. Bei seinem Debüt wurde er bereits umjubelt, ist offensichtlich gern zurückgekehrt und wurde erneut gefeiert. Nun fragt man sich, ob er Putin mag oder lieber Pussy Riot.

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