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Vor 100 Jahren wurde Heinrich Böll geboren

Schriftsteller, Mahner, Samariter

Köln

Er galt als moralische Instanz und Gewissen der jungen Bundesrepublik Deutschland. Vor 100 Jahren wurde Heinrich Böll geboren. 1972 erhielt er den Literaturnobelpreis. Auch heute hat uns der Schriftsteller und engagierte Menschenrechtler viel zu sagen.

Christoph Driessen, dpa

Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Kölner Wohnung, 1977 Foto: dpa/Heinz Wieseler

Was für ein Mensch war Heinrich Böll? Es gibt eine Szene, die ihn ziemlich gut beschreibt: Pressekonferenz in Köln – es geht um Hilfe für vietnamesische Flüchtlinge. Alle Fernsehsender haben Kameras aufgebaut. Ein Jungreporter – er schreibt für ein obskures linkes Blättchen – verkündet, er wolle Böll nach der Pressekonferenz noch interviewen. Die Korrespondenten belächeln ihn. Der und ein Einzelinterview!

Aber kaum ist die Pressekonferenz zu Ende, wendet sich Böll dem jungen Mann zu und beantwortet ihm geduldig und liebenswürdig jede Frage, lässt sich sogar auf eine Diskussion mit ihm ein. Die Korrespondenten müssen warten, einige kochen vor Wut. Noch lange danach erinnert sich Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck: „Böll hatte diese Fähigkeit, die ich selten bei sogenannten großen Leuten wiedergefunden habe: sich auf etwas Kleines einzulassen.“

Streitlustiger Rheinländer

Den Großen dagegen begegnete Böll zeitlebens mit Misstrauen. Dieser gar nicht so gemütliche oder spaßige Rheinländer, heute vor 100 Jahren in Köln geboren, legte sich mit allen an: mit der CDU, den Wirtschaftsverbänden, der Bundeswehr, dem Springer-Verlag, der Katholischen Kirche, aber genauso mit der SPD, die er als „mieseste aller Parteien“ bezeichnete.

Er konnte das nur deshalb, weil er selbst eine Macht war – die Verkörperung des „anderen Deutschland“. Mitte der 1970er Jahre wählten ihn führende Meinungsmacher in einer Umfrage zur einflussreichsten westdeutschen Persönlichkeit nach Bundeskanzler Helmut Schmidt, dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt und CSU-Chef Franz Josef Strauß.

Bestseller-Autor

Jeder kannte es, dieses verwelkte Gesicht mit den hängenden Backen, dem meist etwas geöffneten Mund und den melancholischen Augen. Zwei Jahre nach seinem Tod am 16. Juli 1985 sagte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger: „Wir haben Böll verloren. Aber dafür haben wir Amnesty und Greenpeace.“

Die Rolle solcher später gegründeten Organisationen füllte Böll in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik ganz allein aus. In seinen Romanen behandelte der gelernte Buchhändler alle brisanten Themen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft: die verdrängte NS-Vergangenheit, das Durchregieren der alten Eliten, die Fixierung auf Konsum und Besitz, die Wiederbewaffnung, die Doppelmoral der katholischen Kirche.

Zum Thema

Wegbegleiter: Der Münsteraner Erich Kock war Bölls Sekretär

Jedes neue Buch von ihm war ein Bestseller, der die Medien wochenlang beschäftigte. Dazu kamen Reden, Interviews, Artikel. „Unvergesslich: dieser wohltuende Mangel an Dämonie. Diese Stimme, das Gegenteil eines metallischen Organs, leise und vernehmlich auf Menschlichkeit beharrend, dem Spießertum in die Parade fahrend.“ So beschrieb ihn Willy Brandt.

Gesellschaftspolitische Bedeutung unbestritten

Böll war zum Beispiel einer der ersten, die in den 50er Jahren gegen das Verdrängen des Judenmords anschrieben. In der Nachkriegszeit wurde der Holocaust im Schulunterricht komplett ausgespart. Als Böll 1954 eine Kölner Klasse besuchte, hatte keiner der 40 Schüler je davon gehört. Daraufhin schrieb er in einem Zeitungsartikel: „Wir beten für die Gefallenen, für die Vermissten, für die Opfer des Krieges, aber unser abgestorbenes Gewissen bringt kein öffentliches, kein klar und eindeutig formuliertes Gebet für die ermordeten Juden zustande.“

Chronologie

1917: Geboren in Köln, katholische Handwerkerfamilie

1939-45: Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg

1943: Heirat mit Annemarie Cech

1951: Preis der Gruppe 47 für „Die schwarzen Schafe“

1954:  Erster Irland-Besuch

1961: „Spiegel“-Titelgeschichte: „Deutschlands erfolgreichster Nachkriegsautor“

1963: Großer Auflagenerfolg mit „Ansichten eines Clowns“

1970: Deutscher PEN-Präsident

1971: „Gruppenbild mit Dame“. Sein in den Augen vieler Kritiker bedeutendster Roman ist eine Aufarbeitung der NS-Zeit, aber auch des Bombenkriegs

1972: Ein Artikel im „Spiegel“, in dem er die „Bild“-Zeitung angreift, löst eine Hetzkampagne gegen ihn aus. Polizei umstellt sein Haus in der Eifel, weil er fälschlich verdächtigt wird, Terroristen zu verstecken. Nobelpreis für Literatur

1983: Sitzblockade des US-Militärdepots Mutlangen

1985: Tod in seinem Haus in der Eifel

Während Bölls gesellschaftspolitische Bedeutung unbestritten ist, wurde sein literarischer Rang immer wieder angezweifelt. Zu Unrecht: Der Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974) etwa, in dem Böll die Verleumdung einer unbescholtenen Frau durch eine Boulevardzeitung schildert, hat im Zeitalter von „Fake News“ und „Shit­storms“ noch an Relevanz gewonnen.

Von poetischer Dauer ist vor allem sein „Irisches Tagebuch“. Seine Satiren – empfohlen sei hier etwa die Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ – sind ebenso spitz wie zum Schreien komisch. Böll, der 1976 aus der Kirche ausgetreten war, wurde dennoch kirchlich beerdigt. Seine Freunde und auch Kirchenleute bis zum Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff wussten, dass Böll ein gläubiger und zutiefst christlich handelnder Mensch war.

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