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Literaten unterm Bundesadler?

Was man der Idee eines Parlamentspoeten abgewinnen kann

Münster

Niemand müsse jetzt reimen, sagt Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt zum Vorschlag, einen Parlamentspoeten zu engagieren. Es gab durchaus Spott für die Idee. Aber sie hat auch etwas für sich.

Von Harald Suerland

Wer steht denn dort am Rednerpult im Plenarsaal des Deutschen Bundestages? Vielleicht sollte es öfter mal eine Schriftstellerin wie Antje Ravik Strubel oder ein Autor wie Christoph Ransmayr sein. Foto: dpa/imago/Christoph Hardt/Rudi Gigler

Ein Poet, eine Poetin fürs Parlament? Der Vorschlag einiger Autoren und die zustimmende Reaktion der Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt haben in den ersten Januarwochen schon hübsche Wellen geschlagen. Von Begeisterung bis Spott war vieles vertreten, und die TAZ hat auf wunderbar poetische Weise schon mal vorgefühlt, wie sich das künftig anhören könnte: „Frau Präsidentin, Hohes Haus! / als erstes mal die Smartphones aus. ... Nun denn – hier im Plenarsaal steht / Ihr neuer Parlaments-Poet.“

Mit Ironie und Witz eine ablehnende Haltung zu formulieren – das spricht kurioserweise eigentlich für die Idee. Denn solch eine Form der Debattenkultur ist allemal besser als die Gehässigkeit und Geringschätzung des Gegenübers, die viele Auseinandersetzungen heute vergiften. Bei anderen, vermeintlich ernsteren Themen indes scheint das kaum mehr möglich zu sein.

Wirkmacht die Stimme der Poesie

Weil es Wichtigeres gibt!, sagen die Kritiker und haben mit Kriegsgefahr im Osten, Omikron oder Klimaschutz die fälligen Argumente ruckzuck zur Hand. Zugegeben, ginge es bloß darum, dass eine(r) ein Gedicht aufsagt und man anschließend wieder zur ernsten Tagesordnung übergeht, wäre das Thema tatsächlich lachhaft. Und ja, da hat nun ausgerechnet Wolfgang Kubicki einen Punkt getroffen: So ein angestellter Hof-Schreiber, der regelmäßig Beiträge abliefert und dafür ein staatlich-stattliches Gehalt bezieht, klingt nicht gerade wie der Inbegriff der freien, der widerständigen Kunst. Um die es doch gerade gehen müsste, wenn ein Poet die parlamentarische Prosa aufwirbeln soll.

Welche Wirkmacht die Stimme der Poesie entfalten kann, hat der Vortrag der jungen Lyrikerin Amanda Gorman bei der Einführung des US-Präsidenten Joe Biden gezeigt – vor gut einem Jahr ist an dieser Stelle schon beklagt worden, dass derlei in Deutschland fehlt. Denn Gorman hatte ja nicht einfach ein paar nette Verse hergesagt, sondern den großen Bogen über Vergangenheit und Zukunft einer Nation gespannt und die aktuellen Verwerfungen nach dem Sturm auf das Kapitol reflektiert – in poetischen Bildern. Eine Politikerrede, wie wir sie etwa vom allseits geschätzten Bundespräsidenten gewohnt sind und zugleich als Routine beargwöhnen, kann es damit eben doch nicht aufnehmen.

So gesehen geht es bei der eigentlichen Idee, mit Poesie auf Politprosa zu reagieren, durchaus um Wichtiges – nur eben nicht um Tagesaktuelles. Dahinter steht auch ein ur-romantischer Gedanke, auf den mit einem berühmten Novalis-Gedicht hingewiesen wurde: „Wenn die, so singen oder küssen, /Mehr als die Tiefgelehrten wissen ... Dann fliegt vor Einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort“, heißt es bei ihm. Das mag heute, da junge Idealistinnen „Follow the Science“ fordern, verdächtig nach Wissenschafts-Skepsis, nach Anti-Aufklärung klingen, und tatsächlich schreckte ein bekannter Literaturkritiker nicht davor zurück, Novalis in die Nähe von Impfgegnern zu rücken. Man sollte aber nicht übersehen, dass jene, die das Querdenken für sich in Anspruch nehmen, keineswegs dem romantischen Träumen und der Sucht nach dem Irrationalen das Wort reden, sondern sich im Besitz besserer (alternativer?) Fakten wähnen.

Autonome Stimme der Kunst

Also unbedingt Poesie und Kunst dort, wo sonst bestenfalls Argumente stechen und oft genug auch Phrasen wabern. Nur nicht als Institution eines Poesie-Beamten, sondern als Aufforderung an die Kunst, ihre Stimme zu erheben, wie es etwa Ruth Klüger oder Wolf Biermann schon getan haben. Bei besonderen Anlässen könnte der poetische Vortrag wohl mehr bewegen als das feierliche Streichquartett. Der 1. und der 8. Mai, der 17. Juni, der 9. November wären nur einige Stichtage, an denen sich Beiträge jenseits politischer Prosa anbieten.

Und wer soll’s machen? Im Sinne einer autonomen Stimme der Kunst wäre es gut, keinen Posten nach dem Vorbild etwa einer Stadtschreiberin einzurichten, sondern immer mal wieder Autoren einzuladen. Man mag sich an frühere Vorbilder wie Günter Grass erinnern, der sich so wortreich einmischte, bis er selbst seinen Ruf als moralische Instanz ruinierte. Besser also an heutige Erfolgs-Autoren wie Juli Zeh oder Ferdinand von Schirach denken, die von ihrem juristischen Background zehren. Am besten aber wäre es auch im Sinne der Novalis-Verse, sich an Sprachschöpfer wie Christoph Ransmayr zu wenden, der schon viele Reden als kunstvolle Erzählungen angelegt hat, oder wie Buchpreisträgerin Antje Ravik Strubel, in deren Prosa Gegenwartsbeschreibung und Zeitloses, Privates und Politisches auf so kunstvolle Weise verschränkt sind.

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