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Das Sommerinterview mit Borchert-Theater-Intendant Meinhard Zanger

„Wir sind wie der SC Freiburg“

Münster

Das Wolfgang-Borchert-Theater hat, auch dank des „Sturms“ im Hafenbecken, die erfolgreichste Saison hinter sich und spielt jetzt die zweite Staffel des Open-Air-Spektakels. Über die Bedeutung dieses Ereignisses für das Theater und die neue Saison sprachen wir mit dem Intendanten Meinhard Zanger.

unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Intendant Meinhard Zanger im Interview mit unserem Redakteur Harald Suerland Foto: Wilfried Gerharz

Herr Zanger, ist die erfolgreichste Spielzeit des Hauses für Sie auch ein künstlerischer Erfolg?

Meinhard Zanger: Die Nachfrage war tatsächlich so groß, dass auch noch zwei Zusatzvorstellungen schnell ausverkauft waren. Deshalb überlegen wir, ob es nicht im nächsten Jahr eine Wiederauflage geben sollte. Die Leute laufen dem Event hinterher – aber wir haben ja auch noch ein Jahresprogramm. Und da gab es in dieser Saison noch zwei große Produktionen: Kleists „Schroffensteins“ als Koproduktion mit Rjasan und Joshua Sobols „Ghetto“. Für die Schroffensteins erhalten wir im September den Innovationspreis des deutsch-russischen Forums, mit „Ghetto“ haben wir die Hamburger Privattheatertage eröffnet – und ein starkes Presse-Echo bekommen.

Zwei ambitionierte Produktionen ...

Zanger: ... die ja auch gut besucht sind. Der Satz „Qualität setzt sich durch“ gilt nicht mehr automatisch. Bei uns hatten manche Menschen Vorbehalte wegen der zweisprachigen Version der „Schroffensteins“, obwohl ja auch in der Oper Übertitel normal sind. In Russland war das gar kein Thema. Dort ist es übrigens bei Festivals üblich, dass man von den Kritikern nach der Aufführung öffentlich bewertet wird.

Hat denn ein Erfolg wie im Falle des „Sturm“ Auswirkungen auf das Haus?

Zanger: Ein solcher Erfolg strahlt tatsächlich auf das ganze Theater aus. So hätten wir, um die Anfragen zu bewältigen, eigentlich zehn Telefone und drei Computer gebraucht. Wir sind ja nun auch schon vier Jahre hier im Flechtheim-Speicher, und die technischen Strukturen altern schnell, das wird häufig unterschätzt. Was wir auch dank der Sponsoren für den Sturm anschaffen konnten, kommt dem Theater zugute.

Und der Werbe-Effekt?

Zanger: Ich fand es damals schade, dass so viele Leute durch die Skulptur-Projekte und Ayse Erkmens On-Water-Steg zum Hafen kamen, aber abends vielleicht zu müde waren, um noch ins Theater zu gehen. Wir wollten ihnen auch zeigen, dass dies hier ein kultureller Ort ist. Und von Anfang an war klar, dass es eine Bühne im Wasser sein sollte. Wir haben das mit denselben Leuten wie beim „Sommernachtstraum“ umgesetzt. Der hat natürlich einen Maßstab gesetzt.

Auch das Wetter half Ihnen?

Zanger: Das schon, bei der „Sommernachtstraum“-Premiere damals musste man ja noch frieren. Ich glaube allerdings, dass die Leute gar nicht so sehr ans Wetter denken, wenn sie eine Theaterkarte kaufen. Die Schauspieler sind übrigens eher froh, wenn es regnet, so wie bei der „Sturm“-Premiere. Dann entsteht im Publikum auch so ein Solidarisierungseffekt (lacht).

In einem privat finanzierten Haus hat das Erfolgs- oder Quotendenken doch sicherlich einen größeren Stellenwert als beim städtischen Theater?

Zanger: Natürlich müssen wir immer an die Quote denken, denn wir finanzieren uns ja zu 60 Prozent aus unseren Einnahmen, Spenden inbegriffen. Deshalb hat ein städtisches Theater eigentlich eher die Möglichkeit zu experimentieren – was ursprünglich die Aufgabe der freien Theater war. Wir müssen ein bis zwei Kassenschlager pro Saison hinkriegen, und sowas wie Sobol und Kleist gönnen wir uns einfach. Allerdings war auch das schwierige Solo-Stück „Ich werde nicht hassen“ immer voll.

Wie groß ist der Rechtfertigungsdruck vor Ihren Geldgebern?

Zanger: Unsere Förderer reden uns nirgendwo rein, nicht beim Spielplan, nicht bei Engagements ... Hendrik Snoek, der sich ja auch anderweitig engagiert, ist ein Glücksfall für unser Theater: Ihm geht es einfach nur darum, schöne Theaterabende zu erleben. Ich kann mir vorstellen, dass uns weniger in die Planung hineingeredet wird als einem städtischen Haus.

Andere Intendanten oder Spartenchefs klagen über die Last der administrativen Arbeit – Sie hingegen arbeiten noch für den WDR, inszenieren, stehen auf der Bühne ...

Zanger: Die Last des Administrativen wird immer größer, als Intendant eines solchen Hauses vereinigt man ja mehrere Jobs wie Verwaltung, Disposition ... Die künstlerische Arbeit mache ich nicht im Büro. Regie und Schauspiel sind für mich deshalb wirklich Erholung: den Fokus nur auf eine Sache richten zu können. Die Arbeit in Köln übrigens habe ich völlig reduziert, denn ich spreche dort keine Nachrichten mehr, sondern ausschließlich künstlerische Beiträge, etwa Gedichte für die Sendung „Liegen bleiben“ auf WDR 5. Das erfordert nur noch fünf statt wie früher 50 Tage im Jahr.

Sie inszenieren ...

Zanger: Ich halte es mit dem großen Jürgen Flimm: Er hat sich stets für den regieführenden Intendanten ausgesprochen. Der hat bei seiner Arbeit direkt mit allen Abteilungen des Theaters zu tun, er kennt das ganze Haus.

... und sind als Schauspieler immer mal wieder präsent, wie ab Oktober im Stück „Heisenberg“.

Zanger: Als Schauspieler auf der Bühne zu stehen ist für mich Erholung: Ich kann die ganze Verantwortung an die Regie abgeben. Klar, wenn ich mit einer Entscheidung nicht einverstanden bin, sage ich das – aber das tun die anderen Schauspieler auch. Die Regisseurin (Tanja Weidner) hat mir sogar verboten, vor der Probe noch ins Büro zu gehen.

Oh, dazu muss man aber schon vertraut miteinander sein!

Zanger: Sie kennt mich eben gut. Sonst müsste ich mir als Schauspieler auf der Probebühne den Satz anhören, den ich als Regisseur auch schon mal sage: „Zum Abhören des Textes bin ich mir zu schade!“

Früher haben Sie Ihr Theater mal mit dem kleinen Sportwagen verglichen, der sich von der großen Limousine des Stadttheaters unterscheidet. Gilt das immer noch?

Zanger: Ich vergleiche uns jetzt lieber mit dem Bundesligaverein SC Freiburg. Ein kleinerer Club, der nicht viel Geld hat, aber um so mehr Leidenschaft.

Und wo steht in der Tabelle das Theater Münster?

Zanger: (lacht) Das müssen Sie die Kollegen schon selber fragen!

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