Die „Sternstunde Philosophie“ auf 3sat

Wundertüte des Denkens

Der populäre Professor grübelt, seine Antworten kommen langsam und bedächtig – nicht so flott, wie es das Fernsehen sonst gerne hat. Aber Dietrich Grönemeyer darf das, wenn er mit Gastgeberin und Moderatorin Barbara Bleisch über Ärzte und Heiler spricht. Oder sollte man sagen: philosophiert?

unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Zur „Sternstunde Philosophie“ gehört bisweilen auch der Philosophische Stammtisch. Hier diskutiert Barbara Bleisch (r.) mit den Philosophen (v.l.) Dr. Katja Gentinetta und Prof. Konrad Paul Liessmann (von hinten) sowie dem Soziologen Prof. Harald Welzer. Foto: SRF / Lucian Hunziker

Genau darin liegt der Sinn einer Sendung, die an einem versteckten Platz im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. Am Sonntagvormittag gibt es in unregelmäßigen Abständen die „Sternstunde Philosophie“ auf 3sat, eine Gesprächssendung des schweizerischen SRF. Dort, im Gastgeberland, sitzen Woche für Woche zumeist ein fachlich versierter Gast und ein philosophisch (aus-)gebildeter Moderator einander gegenüber und sprechen wahrhaft über Gott und die Welt. Die meisten dieser Sendungen werden von 3sat übernommen.

Wenn der Gast Peter Sloterdijk heißt, kann das Thema natürlich nur lauten „Zur Lage der Welt“. Aber normalerweise geht es eine Nummer kleiner – und konkreter. Etwa, wenn der junge französische Schriftsteller Edouard Louis zu den „Gelbwesten“ und zur Situation der französischen Gesellschaft befragt wird. Oder wenn der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn über den Schweizer Gottfried Keller spricht und den Autor als „Anwalt des imperfekten Ichs“ charakterisiert.

Die thematische Offenheit der Sendung macht sie zu einer veritablen Wundertüte des Denkens. Politik, Gesellschaft, Kunst, Naturwissenschaft, Lust und Liebe: Alles kann Thema dieser Gespräche sein. Seit dem Jahr 1994 gibt es sie bereits, produziert von einer Redaktion, die in der Schweiz auch „Sternstunden“ zur Religion und zur Kunst anbietet – hierzulande über den Youtube-Kanal des Senders zu sehen.

Barbara Bleisch und der Zufall

Bisweilen spielt sogar der Zufall eine Rolle. Als Bestandteil einer Sendung etwa, in der Barbara Bleisch mit Miriam Meckel und der Philosophin Svenja Flass­pöhler über die Macht des Zufalls diskutierte. Bleisch, selbst promovierte Philosophin und Wissenschaftsjournalistin, ist als feste Moderatorin neben Yves Bossart seit 2010 das prägende Gesicht der Sternstunde. Sie versteht es im alten sokratischen Sinn, ihre Gesprächspartner mit scheinbar schlichten Fragen zum Überlegen zu bringen.

Gewiss kann das auch zu unklaren Ausschweifungen führen wie beim Dirigenten Daniel Barenboim und der Frage, was einem fähigen Arzt denn wohl fehle, wenn er sich nicht auch mit Musik beschäftige.

Anders beim Arzt Dietrich Grönemeyer, der im Gespräch über Naturheilkunde und Schulmedizin kurz und bewegend von sich und seinem Bruder Herbert Grönemeyer erzählte, die kurz nacheinander zwei Todesfälle in der Familie zu verarbeiten hatten. Bleisch, Bossart und Wolfram Eilenberger als Dritter im Bunde führen Dialoge im Kammerton. Aber selbst wenn Barbara Bleisch vierteljährlich mehrere Gäste zum „Philosophischen Stammtisch“ mit Publikum bittet, bleibt die Atmosphäre freundlich-sachlich: So kann der bekennende Konservative Ulrich Greiner in der Runde zu diesem Thema Widerspruch auf sich ziehen, ohne dass es an Respekt füreinander fehlte. Und wenn die Moderatorin mit einem freundlichen „Das verstehe ich jetzt nicht“ interveniert, zeigt sich, wie nah Klarheit und Wahrheit einander sind.

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