1. www.wn.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Leute
  6. >
  7. Ruhestand muss warten: Ken Loach wird 85

  8. >

Filmemacher

Ruhestand muss warten: Ken Loach wird 85

London (dpa)

Seine Filme handeln von Ausgrenzung, sozialem Abstieg und Existenzangst. Seit mehr als 50 Jahren gibt Regisseur Ken Loach den Verlierern eine Stimme. Dabei ist er privat eher konfliktscheu.

Von Philip Dethlefs, dpa

Der britische Regisseur Ken Loach feiert seinen 85. Geburtstag. Foto: Sulova Katerina/CTK/dpa

Von Altersmilde kann bei Ken Loach keine Rede sein. Im Gegenteil, lieferte der britische Regisseur doch in den vergangenen Jahren einige seiner packendesten Filme, «Ich, Daniel Blake» und zuletzt «Sorry We Missed You».

Sein Ruhestand, den der militante Filmemacher mit Ende 70 angekündigt hatte, ist bis auf Weiteres verschoben. Vielleicht auch, weil die Tories die britische Regierung bilden. Die Konservativen sind seit jeher das erklärte Feindbild des ewigen Sozialisten Loach, der jetzt 85 Jahre alt wird.

Seit mehr als 50 Jahren ist Loach, der trotz seines Alters ein fast jungenhaftes Lächeln hat, im Filmgeschäft. Anders als den Kubricks, Spielbergs und Nolans ging es ihm nicht so sehr um Kunst und schon gar nicht um Unterhaltung, sondern darum, authentisch zu sein, mit seinen Filmen Missstände in der britischen Gesellschaft aufzuzeigen und etwas zu bewegen. «Ich kämpfe den einzigen Kampf, der es wirklich wert ist, gekämpft zu werden - den Klassenkampf», sagte er vor der Premiere von «Ich, Daniel Blake» im Arte-Magazin «Tracks».

Schon während des Jurastudiums in Oxford zog es Loach, der 1936 in der englischen Industriestadt Nuneaton im Osten von Birmingham geboren wurde, zum Theater. Anfangs Schauspieler, führte er bald Regie. Das führte in den 60er Jahre zu einem Engagement bei der BBC, wo er als Regisseur für «Wednesday's Play» arbeitete. Die Serie behandelte soziale und kontrovers diskutierte Themen, darunter Arbeitslosigkeit, Abtreibung oder die Todesstrafe. Die Loach-Episode «Cathy Come Home» über eine obdachlose Frau sorgte 1966 für viel Aufsehen und führte zur Gründung einer Hilfsorganisation.

Sein Kinodebüt gab der Regisseur ein Jahr später mit dem Film «Poor Cow», der in Deutschland den reißerischen Zusatztitel «Geküßt und geschlagen» bekam. Es folgte 1969 das hochgelobte Sozialdrama «Kes» nach Barry Hines' Jugendroman «Und fing sich einen Falken». Der mitreißende Film über einen Jungen aus der Arbeiterklasse, der gehänselt und drangsaliert wird, gilt heute als Klassiker und eines der besten britischen Werke der Filmgeschichte.

Privat musste Loach kurz darauf einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Bei einem Autounfall starb 1971 sein fünfjähriger Sohn Nicholas. «Wir haben wahrscheinlich nie richtig trauern und das verarbeiten können», sagte er vor einigen Jahren dem «Guardian». Seine Frau Lesley, mit der er seit 1962 verheiratet ist, überlebte den Unfall schwer verletzt. Die beiden haben vier weitere Kinder. Sohn Jim und Tochter Emma sind als Filmemacher mittlerweile in die Fußstapfen ihres Vater getreten.

In seiner langen Karriere wurde Ken Loach zweimal mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet, drei seiner Filme bekamen den Jury-Preis. Er wurde mit dem britischen Filmpreis Bafta, dem César und dem Europäischen Filmpreis geehrt. In Hollywood nahm man hingegen kaum von ihm Notiz. Dafür sind seine Filme wohl einfach zu britisch - und zu authentisch. Manchmal wirkt das Gezeigte so realistisch, dass es kaum von einem Dokumentarfilm zu unterscheiden ist.

Für seine Arbeit erhielt der unermüdliche Filmemacher vor allem in seinem Heimatland viel Zuspruch. Aber nicht nur. In Großbritannien bekam er gleichzeitig auch den größten Gegenwind - der Preis dafür, dass er stets unbequem blieb. Oft hatte es Loach sogar schwer, überhaupt einen Verleih für seine Produktionen zu finden, besonders zu Zeiten der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher.

Loachs TV-Dokumentation «Which Side Are You On?» über streikende Minenarbeiter wurde Mitte der 80er Jahre nicht ausgestrahlt, weil sie für zu politisch befunden wurde. Ein Theaterstück von ihm wurde kurz vor der Premiere abgesagt. Die Kinderhilfsorganisation «Save The Children» verhinderte bis 2011, dass Loachs kritische Reportage über sie gezeigt wurde. Die Produktionsfirma ging fast daran pleite.

1990 befand sich der Antikapitalist in einer ähnlichen Lage wie einige Protagonisten seiner Filme. Er brauchte dringend Geld - und drehte gegen seine Überzeugung Werbespots für Großkonzerne wie McDonald's und Nestlé, die ihm heute schrecklich peinlich sind. «Entweder das, oder wir hätten aus unserem Haus ausziehen müssen», sagte er in dem Filmporträt «Versus: The Life and Films of Ken Loach» von Louise Osmond über ihn. «Es lastet wirklich schwer auf meinem Gewissen.»

2016 wagte Loach aus eigener Initiative noch einmal einen Werbefilm, diesmal mit voller Überzeugung. Der glühende Labour-Anhänger drehte einen Film mit und über den damaligen Parteichef Jeremy Corbyn und seine Anhänger. «Wir hatten noch nie einen Anführer wie Corbyn», schwärmte der ewige Sozialist damals von seinem Seelenverwandten.

Durch seinen unermüdlichen Einsatz für die sogenannten kleinen Leute, denen Loach mit seinen Filmen eine Stimme gab, legte er sich mit den vermeintlich Großen an. Im privaten Umfeld ist der Regisseur hingegen sehr konfliktscheu, wie er dem «Guardian» verriet. «Ich kann persönliche Konflikte nicht ausstehen. Ich finde das fürchterlich», sagte Ken Loach. «Ich könnte nicht mit Menschen streiten, auf die ich mich verlasse und denen ich vertraue, die mir etwas bedeuten und die ich schätze. Denn der Preis wäre mir zu hoch.»

Startseite