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Sängerin

Vielseitige Dänin - Gitte Hænning wird 75

Kopenhagen/Berlin (dpa)

Gitte Hænning war einst der Teenie-Star Skandinaviens. Besonders ihre Wahlheimat Deutschland liebte und liebt ihre wandlungsfähige Musik, die vom Schlager über den Pop bis zum Jazz reicht.

Von Steffen Trumpf, dpa

Ein Leben auf der Bühne: Gitte Hænning wird 75. Foto: Georg Wendt/dpa

Als Kind sang sie davon, ihren Papa heiraten zu wollen, später wünschte sie sich einen Cowboy als Mann und sang im Duett mit Rex Gildo: Mit locker-leichten Schlagertexten hat sich Gitte Hænning in Deutschland unzählige Fans ersungen.

Die blonde Dänin war Kinderstar und Schlagergröße, ehe sie ihre Anhänger mit Pop- und Jazzmusik, als Filmschauspielerin sowie auf Theater- und Musical-Bühnen von ihrer unheimlichen Vielseitigkeit überzeugte. «Gitte Hænning will alles und kann alles. Nur so gelingt es ihr seit Jahrzehnten, immer wieder das Publikum zu gewinnen», heißt es auf einer Fan-Webseite. Nun wird sie am Dienstag (29. Juni) 75 Jahre alt.

Geboren wurde Gitte Hænning am 29. Juni 1946 in Aarhus, aufgewachsen ist sie dann mit ihrer älteren Schwester in Kopenhagen. Heute lebt sie in einer anderen pulsierenden Hauptstadt: in Berlin. Dort geht es ihr hervorragend, wie sie vor ihrem Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Mitte Juli steht ein Konzert mit Musikern aus ihrer Heimat in Dänemark an, wenige Tage danach ist sie im Tipi am Kanzleramt mit ihrer deutschen Band zu Gast. Auch die Pandemie hat sie in Berlin erlebt. «In dieser fatalen Corona-Zeit, in der viel zu viele Menschen konkursgegangen sind, gehöre ich absurderweise zu denen, die diese Zeit mit dem Lesen von dicken Büchern genießen konnten», sagt sie. «Gegen höhere Gewalt sind wir Menschen doch machtlos.»

Angefangen hat Gitte Hænnings lange Karriere, als sie mit acht Jahren auf der Bühne stand und auf Dänisch davon sang, ihren Papi heiraten zu wollen. Ihr Vater, der Liedermacher Otto Johansson, war dabei derjenige, der die Karriere der jungen Gitte früh vorantrieb. In Skandinavien wurde das Mädchen schlagartig berühmt, während der Durchbruch in Deutschland später vor allem mit einem anderen Song zusammenhing: Mit «Ich will 'nen Cowboy als Mann» gewann die damals 16-Jährige bei den Deutschen Schlagerfestspielen 1963 in Baden-Baden - und sang sich damit auch gleich an die Spitze der deutschen Charts.

Mit Rex Gildo bildete Hænning in den 60er Jahren das beliebteste Schlager-Duo des Landes. Die beiden sangen sich unter anderem mit «Vom Stadtpark die Laternen» in die Charts und die Herzen. Charmant fanden die Deutschen die Dänin dabei auch wegen ihres skandinavischen Akzents. Die deutsch-dänische Verbindung führte schließlich soweit, dass sie 1973 für Deutschland beim Eurovision Song Contest antrat. Mit «Junger Tag» wurde sie in Luxemburg Achte - eine Platzierung, von der viele deutsche ESC-Beiträge später nur träumen können.

In der Folgezeit bewies Gitte Hænning ihre Vielseitigkeit als Unterhaltungskünstlerin. Auch ihre alten Schlager erfand sie manchmal neu, etwa den besagten Cowboy-Klassiker. «Wie kann ich dieses Lied heute gestalten? Da nehme ich in Kauf - mit großem Risiko - manche Fans zu verlieren, um andere zu gewinnen», sagte sie dazu einmal in einem Interview.

Pop und vor allem ihr geliebter Jazz waren fortan wichtiger als Schlager, was die Dänin etwa mit der deutschen Version von Andrew Lloyd-Webbers «Take That Look Off Your Face» («Freu dich bloß nicht zu früh») oder einer Hommage an Ella Fitzgerald und Judy Garland bewies. Nach ihrem Umzug nach Berlin in den 90er Jahren spielte sie in der Bundeshauptstadt unter anderem im Musical «Shakespeare & Rock'n'Roll», nach der Jahrtausendwende wurde zwischen 2004 und 2007 auch die Show «Gitte, Wencke, Siw» - ihr skandinavisches Trio mit Wencke Myhre und Siw Malmkvist - zum Erfolg.

Diese Wandlungsfähigkeit wird bis heute geschätzt. Als sie von Andrea Kiewel im vergangenen Sommer im ZDF-Fernsehgarten anmoderiert wurde, würdigte diese die Dänin als «eine der vielseitigsten Künstlerinnen, die es überhaupt gibt» - ein schönes Lob für eine, die immer nach dem Neuen gesucht hat.

Bis heute ist Gitte Hænning sehr aktiv geblieben. Anfang September wird sie zur Eröffnung der Kieler Woche auftreten, im Spätsommer sind mehrere Konzerte in Norddeutschland - nicht weit von ihrer dänischen Heimat entfernt - geplant. Ihre Arbeit in der Musik betrachtet sie dabei als Geschenk. «Arbeiten ist etwas Schönes! Ich glaube auch, dass es gesund ist», sagte sie der dpa.

Ans Aufhören sei noch lange nicht zu denken. «Ich muss dem nachgehen, was ich liebe, sonst kann ich das nicht machen. Und ich liebe Jazz!» Kleine Veranstaltungsorte schätzt sie mehr als große Hallen. «Da hat man ein intimeres Gefühl, man spürt die Menschen», schwärmt sie. Und auch ihre Klassiker leben weiter: Ihr dänischer Schlager «Ta' med ud og fisk» erlebte Anfang 2021 fast 60 Jahre nach der Veröffentlichung ein unerwartetes Revival - in Schweden.

Wie der dänische Rundfunksender DR zu berichten wusste, stürmte das fröhliche Lied über eine Angeltour auf Platz eins einer Liste viraler Hits auf dem Streaming-Dienst Spotify. Das plötzliche Comeback des Songs hatte nach DR-Angaben wohl mit der Veröffentlichung eines schwedischen Films zu tun, in dem das Lied eine zentrale Rolle spielt. Kurz darauf, so lässt sich aus Social-Media-Kommentaren herauslesen, wurden manche Schweden süchtig nach dem Gitte-Song. Ihre vielen Fans in Deutschland werden das sehr gut verstehen.

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