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Bundesforschungsministerin im Interview

Anja Karliczek: „Den Karriereweg gestalten“

Tecklenburg

Sie war eine der Überraschungen im Kabinett der Angela Merkel. Anja Karliczek, CDU-Politikerin aus dem Kreis Steinfurt, wurde von der Kanzlerin zur neuen Bundesforschungs- und -bildungsministerin ernannt. Über ihre ersten Erfahrungen und ihre großen Ziele sprach unser Redaktionsmitglied Frank Polke mit ihr.

Frank Polke

Ministerin Anja Kaliczek legt einen verstärkten Fokus auf das Verhältnis von klassischer akademischer und betrieblicher Ausbildung. Foto: Wilfried Gerharz

Sie sind jetzt vier Monate im Amt. Was waren Ihre positiven, aber vielleicht auch negativen Erfahrungen bisher in Ihrem Ministeramt?

Karliczek: Es ist ein großes Ministerium mit vielen spannenden Themen des Alltags, die Lust auf Zukunft machen. Das betrifft bessere Bildungschancen und auch die Hoffnung, unser Leben durch Forschung zu erleichtern. Wenn man neu ins Haus kommt und sich in die Bandbreite einarbeiten muss, ist das echt eine Herausforderung. Aber ich habe das schon geahnt als ich für das Amt zugesagt habe. Und ich habe viel gelernt in den letzten vier Monaten. Das Bundesministerium ist hinsichtlich der Inhalte aber wirklich gut aufgestellt. Die Tiefe der Erkenntnisse von der Meeresforschung bis zu digitalem Lernen ist beachtlich. Ich musste mich aber erst an die hierarchischen Strukturen gewöhnen, zum Beispiel bei der Frage, wie geht man vor, wen muss man beteiligen. Das ist für mich die größte Herausforderung, weil ich in so großen Strukturen noch nie gearbeitet habe.

Der Ansturm auf die Universitäten ist nach wie vor sehr groß, auch und gerade bei uns in Münster. Auf der anderen Seite ist die Ab­brecherquote bei den Studierenden ebenfalls sehr hoch. Wie würden Sie die Lage beurteilen?

Karliczek: Wir verhandeln gerade den Hochschulpakt neu. Daran kann man schön sehen, was sich aktuell verändert. Die Spitze des Aufbaus von Studienplätzen ist nach den doppelten Abiturjahrgängen erreicht. Wir konsolidieren jetzt. Die Länder sollen das Geld weiterhin erhalten, damit sie in der Lage sind, diese Studienplätze anzubieten. Wir geben jetzt also weiter Geld in die Hochschulen hinein. Das ist ja eigentlich Ländersache, nicht Aufgabe des Bundes. Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter, der auch im Koalitionsvertrag steht. Nämlich Qualität in der Lehre verstärkt in den Fokus zu rücken. Wenn man etwas schnell aufbaut, muss man darauf achten, dass es auch qualitativ wächst.

Sie haben sich schon vor Ihrem Amtsantritt verstärkt auch für eine stärkere Förderung und Beachtung der dualen Ausbildung bzw. der Weiter- und Fortbildung auch im Beschäftigungsverhältnis starkgemacht. Welche Akzente kann Ihr Ministerium setzen?

Karliczek: Ein zentraler Ansatzpunkt ist die duale Bildung. Ich sage ganz bewusst nicht duale Ausbildung, da auch das duale Studium dazugehört. Es geht nicht darum, es zu bewerten, was besser ist: duale oder akademische Ausbildung. Es geht darum, die Nähe zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung herzustellen in einer Zeit, in der sich die Bedingungen so schnell verändern. Die meisten Menschen spüren das gerade an ihrem eigenen Arbeitsplatz, wie schnell sich die Dinge verändern, wie schnell neue Technologien, neue Techniken auf den eigenen Arbeitsplatz durchschlagen. Da ist das, was wir in Deutschland haben, diese Nähe zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung ein Riesenpfund. Die ganze Welt beneidet uns darum. Dazu gehört, dass wir Partner mit einbeziehen, dass Unternehmen sich verpflichtet fühlen, mitzuwirken – sei es durch die IHKs oder dadurch, dass Betriebe einen Ausbildungsplatz zur Verfügung stellen oder ein duales Studium ermöglichen. Wir wollen noch mehr in den ­Fokus stellen, welche Aufstiegschancen die duale Ausbildung bietet. Wir haben immer noch im Kopf diese Schleife: Wir machen erst eine duale Ausbildung – und dann geht es doch irgendwie ins Hochschulstudium. Auch im Bereich der Weiterbildung hat sich in den vergangenen Jahren ein riesiger Blumenstrauß entwickelt. Das jetzt zu klassifizieren: Was ist der Aufstiegsweg in einer bestimmten Branche, in einem bestimmten Berufszweig? Das hilft, um alles zu überblicken und damit die duale Ausbildung wieder attraktiver zu machen, wenn ich weiß: Das ist keine Sackgasse, sondern auch damit kann ich meinen Karriereweg gestalten.

Die Debatte um Möglichkeiten und Grenzen der Spitzenforschung ist nicht erst seit dem Weggang des Stammzellen-Forschers Hans Schöler aus Münster nach Bayern entbrannt. Wie kann Deutschland noch mehr tun, um hier den Anschluss an Länder wie Südkorea, Israel oder die USA nicht zu verlieren?

Karliczek: Wir machen Wettbewerbe um die Spitzenforschung, wir fördern die Exzellenzcluster und ­holen mit dem höchst­dotierten Forschungspreis Deutschlands, der Alexander von Humboldt-Professur, internationale Spitzenforscher an deutsche Universitäten. Übrigens hat auch die Uni Münster schon zwei Mal von dem Preis profitiert. Es ist aber ein fortlaufendes Ringen um gute Rahmen­bedingungen und bestimmte Freiheiten. Die brauchen wir, um zu sehen, welche Chancen und Risiken es gibt, und dann überlegen zu können, was von dem Erforschten wir bei uns in der Gesellschaft nutzen wollen. Nehmen wir beispielsweise die Landwirtschaft. Wenn wir einen Beitrag leisten wollen, dass Afrika sich selbst ernähren kann, müssen wir technologieoffen erforschen, wie auf schlechtem Boden und mit langen Dürren ertragreich angebaut und geerntet werden kann. Da können wir einen großen Beitrag leisten, wenn wir der Forschung eine große Freiheit geben, die sie – wie ich glaube – in diesem Land grundsätzlich hat.

Gleiches gilt – abseits der ethischen Debatte – auch für die Digitalisierung. Hier reden viele, auch Staatssekretäre und Staatssekretärinnen, mit. Gibt es in Ihrem Haus Überlegungen, was der Forschungsstandort Deutschland unternehmen kann?

Karliczek: Zum einen müssen wir schauen, wie wir sie in den Alltag umsetzen. Digitalisierung bedeutet ja für jede Branche, für jeden Teilbereich etwas anderes. In meinem Haus baue ich die Strukturen so um, dass jeder Bereich sich mit den Themen Digitalisierung und Transfer beschäftigt. Digi­talisierung in der Bildung, in der Forschung bedeutet etwas ganz anderes als in einer Innovationsabteilung. Dort geht es darum, aus ­Forschung Produkte und Dienstleistungen zu machen. Ich bringe immer gern das Beispiel: In unserem Hotel haben wir mit dem Reser­vierungsbuch angefangen, dann kam der Computer. Dann haben wir auf eine Reservierungsmaske umgestellt. Heute kann man von außen ein Zimmer bei uns buchen, direkt. Das sind die kleinen Schritte. Und dabei nicht aus den Blick zu verlieren: Was bedeutet das für den einzelnen Menschen? Was bedeutet es denn konkret für die Arbeitsplätze in Zukunft, wenn ein Mensch stundenlang eine Brille aufhat, die eine virtuelle Realität erzeugt? Wie ist das sinnvoll einsetzbar und wo sind unerwünschte Belastungen? Das wollen wir klären.

Was würden Sie einer jungen Abiturientin, einem jungen Abiturienten raten, der noch nicht ganz so genau weiß, was er machen soll? Klassische Hochschulausbildung? Oder gibt es auch andere Wege?

Karliczek: Ich würde ihr oder ihm raten, etwas anzufangen, woran man Freude hat. Das sollte immer im Vordergrund stehen, denn niemand kann sich sicher sein, dass man 45 Jahre das Gleiche machen wird. Da kommt auch mal eine Veränderung. Es ist auch wichtig, eine Ausbildung zu Ende zu bringen und zu zeigen, dass man in der Lage ist etwas durchzuhalten. Wenn ich den Einstieg gefunden habe, dann habe ich heute zahlreiche Möglichkeiten in einer Welt, die so viele Chancen bietet.

Was kann denn die Forschung konkret leisten aus Ihrer Sicht?

Karliczek: Eine Menge. Ich nenne mal ein Beispiel für den ländlichen Raum: Autonomes Fahren. Das ist nicht nur eine neue Technik. Da hängt viel mehr dran. Wer sich sicher und bequem bis ins hohe Alter bewegen kann, kann einkaufen, zum Arzt fahren und Freunde besuchen. Das ist Lebensfreude, die Forschung ermöglicht. Deswegen sage ich immer, der Mensch steht im Mittelpunkt. Ich frage mich aber auch insgesamt, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln können. Da sind neue Herausforderungen auf der Welt, und die gefühlte Verunsicherung ist recht groß, obwohl es uns in Deutschland faktisch gut geht. Was hält unsere Ge­sellschaft künftig zusammen? Das sind Fragen, die auch in der Forschung eine größere Rolle spielen müssen. Deswegen werden wir ein neues „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gründen.

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