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Atommülllager an deutscher Grenze: Wer wie betroffen ist

Bern (dpa)

Dass das Schweizer Atommüll-Endlager an der deutschen Grenze stehen soll, war beschlossene Sache. Jetzt ist klar, welche Gemeinde am stärksten betroffen ist.

Von Christiane Oelrich, dpa

Das schweizerische Kernkraftwerk Leibstadt nebst Kühlturm. Foto: Alexandra Wey/Keystone/dpa

Das Schweizer Endlager für Atommüll soll in unmittelbarer Nähe der deutschen Gemeinde Hohentengen in Baden-Württemberg entstehen. Der Ort war einer von drei möglichen Standorten, in Hohentengen sorgte allein das schon vor Jahren für Aufregung. «Die Schweiz beschließt, ihren radioaktiven Müll in der Schweiz zu belassen, und setzt ihn uns Nachbarn fast vor die Füße», erzürnte sich eine Gemeinderätin 2016 in einer Sitzung in Hohentengen.

Wie nah an der deutschen Grenze ist das geplante Endlager?

Das ausgewählte Gebiet Nördlich Lägern liegt wenige Hundert Meter hinter der Grenze, sagte der Bürgermeister von Hohentengen, Martin Benz, der Deutschen Presse-Agentur. «Der Bahnhof, der für An- und Abtransporte benutzt werden könnte, liegt ein paar Hundert Meter von unseren Wohngebieten entfernt. Wenn der Atommülltransport über die Straße kommt: die ist auch nur 850 Meter weg.»

Warum vergräbt die Schweiz ihren Müll nicht weit weg von den Grenzen?

Zum einen muss die Erdbebenwahrscheinlichkeit so gering wie möglich sein, zum anderen muss der Stein im Untergrund bestimmte Eigenschaften haben. In der Schweiz eignet sich nur der Opalinuston zur Einlagerung. «Der Opalinuston ist dicht, kann allfällige Risse selbst wieder abdichten und bindet radioaktive Teilchen an sich», teilte die Schweizer Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) mit. «So schließt er radioaktive Stoffe langfristig ein.» Diese Voraussetzungen gibt es nur im Grenzgebiet.

«Es ist auch in unserem Interesse, dass die Schweizer Abfälle sicher gelagert werden», sagt Martin Steinebrunner von der Deutschen Koordinationsstelle Schweizer Tiefenlager (DKST) beim Regionalverband Hochrhein-Bodensee der dpa. «Wenn der sicherste Ort ein paar Kilometer weg von der Grenze ist, nehmen wir das hin. Wir haben auch die Schweizer Kernkraftwerke in Grenznähe. Es ist ein Zugewinn an Sicherheit, wenn alles eingelagert ist.»

Um wie viel Material geht es?

Die hoch radioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken sowie Medizin, Industrie und Forschung umfassen 9300 Kubikmeter. Das entspreche dem Volumen nach etwa acht Einfamilienhäusern, so die Nagra. Dazu kommen rund 72.000 Kubikmeter schwach-​ und mittelradioaktive Abfälle. Die vier verbliebenen Schweizer Atomkraftwerke dürfen betrieben werden, so lange sie sicher sind. Das kann bis in die 2040er Jahre gehen.

Wie gefährlich ist ein Endlager?

Radioaktive Strahlung kann Körperzellen zerstören, unter anderem im Blut, der Haut und der Schilddrüse. Unter anderem gelten Leukämie, Schilddrüsen- und Lungenkrebs als mögliche Spätfolgen. In dem Lager gibt es technische und natürliche Barrieren, die verhindern sollen, dass Radioaktivität nach draußen gelangt. Das Material wird in Uranoxid oder Glas eingebettet sowie in dickwandige Behälter aus Stahl oder in Zement verfestigt in Fässer gepackt. Die Lagerstollen werden mit Betonit oder Zementmörtel aufgefüllt. Die Stollen liegen Hunderte Meter tief. «Die benötigte Einschlusszeit beträgt bei hochaktiven Abfällen etwa 200.000 Jahre und bei schwach-​ und mittelaktiven Abfällen rund 30.000 Jahre», so die Nagra.

Was ist mit dem Transport des radioaktiven Materials?

Es ist noch nicht bekannt, wie das Material zum Endlager geschafft werden soll. Die Nagra wollte sich am Montag äußern. Verpackt werden soll das Material für die Endlagerung am derzeitigen Zwischenlager für atomare Abfälle in Würenlingen rund 15 Kilometer südlich der deutschen Gemeinde Waldshut-Tiengen. Dort muss eine «Heiße Zelle» gebaut werden, ein Hochsicherheitsbau.

Was sind die größten Sorgen auf deutscher Seite?

«Wir haben überall Trinkwasserbrunnen, wir haben Aare und Rhein in der Nähe. Die Frage nach dem Trinkwasserschutz ist eine große Sorge der Bevölkerung», sagt Steinebrunner.

Wann soll gebaut werden?

Die Nagra will bis 2024 ein Baugesuch einreichen, über das Regierung und Parlament entscheiden. Danach dürfte es eine Volksabstimmung geben. Wird der Bau nicht abgelehnt, sollen die Arbeiten 2031 beginnen. Die mehrjährige Einlagerung begänne etwa 2050. Das Lager würde über Jahrzehnte beobachtet und etwa 2125 endgültig versiegelt.

Werden die deutschen Gemeinden entschädigt?

«Bei der Aushandlung von Kompensationszahlungen wollen wir angemessen beteiligt werden, sowohl bei den Verhandlungen als auch im Ergebnis», sagt Steinebrunner. Bürgermeister Benz sagt, Hohentengen werde darauf pochen, Schweizer Gemeinden bei der Entschädigung gleichgestellt zu werden.

Wie weit ist Deutschland mit seiner Endlagersuche?

In Deutschland sind noch 54 Prozent der Fläche als mögliche Standorte ausgewiesen. Betroffen sind fast alle Bundesländer. Die Entscheidung soll 2031 fallen, und das Lager soll auch etwa 2050 den Betrieb aufnehmen. Am weitesten ist Finnland: Dort soll schon Mitte der 20er Jahre mit der Einlagerung in einem Endlager für Atommüll unter der Insel Olkiluoto im Südwesten des Landes begonnen werden.

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