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Pandemie

Corona-Welle rollt in China - Ansturm auf Krankenhäuser

Peking (dpa)

Mit dem Ausstieg aus der Null-Covid-Strategie der Kommunistischen Partei verbreitet sich das Virus im Milliardenvolk von Tag zu Tag schneller. Inzwischen zeichnet sich ab, was das in der Praxis bedeutet.

Von Andreas Landwehr, dpa

Eine Frau holt in einer Apotheke in Peking COVID-19-Antigen-Kits ab. Foto: Andy Wong/AP/dpa

Nach der Lockerung der strengen Null-Covid-Strategie in China müssen viele Krankenhäuser einen Ansturm von Infizierten bewältigen. In Metropolen wie Peking, Guangzhou, Chengdu oder Shijiazhuang erlebten Hospitäler «den ersten Schock einer gigantischen Welle von Infektionen und einen Mangel an Gesundheitspersonal», schrieb das renommierte Wirtschaftsmagazin «Caixin» am Montag und sprach von «Covid-Chaos».

Notaufnahmen sind überfüllt. In langen Schlangen müssen Hilfesuchende bis zu fünf, sechs Stunden warten - bei teilweise winterlichen Temperaturen.

Radikale Kehrtwende in China

In einer radikalen Kehrtwende hatte die Regierung vergangenen Mittwoch ihre rigorose Null-Covid-Strategie weitgehend aufgehoben. Lockdowns wurden beendet, die strenge Testpflicht und zwangsweise Quarantäne oder Isolation von Kontaktpersonen weitgehend gelockert. Schon vorher hatte es gleichwohl Anzeichen gegeben, dass die Zahl der Infizierten spürbar anstieg und die Testkapazitäten und behördliche Nachverfolgung der Infektionen längst nicht mehr mithalten konnten.

«Die gegenwärtige Omikron-Mutation ist hoch ansteckend», erklärte der führende chinesische Epidemiologe und Regierungsberater Zhong Nanshan in einem Interview die 180-Grad-Wende der Regierung. Die Epidemie verbreite sich gegenwärtig sehr schnell. «Unter solchen Umständen ist es schwierig, die Übertragungsketten komplett zu unterbrechen - egal wie stark die Vorbeugung und Kontrolle sind.»

Krankenhäuser wurden teils unvorbereitet getroffen

Der überraschende Kurswechsel traf viele Krankenhäuser aber weitgehend unvorbereitet. Ein großes Problem ist es, Covid-Fälle von anderen Patienten zu trennen und das eigene Personal zu schützen. Infizierte stecken vielfach schon Ärzte und andere Mitarbeiter an. «Unser Hospital verfolgt jeden Tag strenge Schutzmaßnahmen, aber mit dem Anstieg der Patienten ist die Infektionsrate unter unseren medizinischen Mitarbeitern hoch», zitierte die Zeitung «Zhongguo Shibao» einen Arzt eines Hospitals in der Südprovinz Guangdong.

Das bisherige strenge Vorsichtsprotokoll wird teilweise auch schon gelockert. Eine Ärztin in Peking berichtete, dass sie trotz eigener Infektion weiterarbeiten muss. Auch wird die Definition von Kontaktperson weiter gefasst als bisher. Wo es noch streng gehandhabt wird, sind große Teile der Ärzte und Pfleger nicht im Dienst, weil sie selbst infiziert oder als enge Kontakte in Isolation sind.

In vielen Apotheken sind Erkältungs- oder Fiebermedikamente sowie Schnelltests ausverkauft. Viele Geschäfte und Restaurants sind etwa in Peking geschlossen. Menschen trauen sich aus Angst vor Infektionen nicht vor die Tür. Die sonst verstopften Straßen der Hauptstadt wirkten am Montag wie leer gefegt. Auch ein Sandsturm verdunkelte die 21-Millionen-Metropole, was nicht nur für die höchsten Smogwerte seit Jahren sorgte, sondern auch für düstere Untergangsstimmung.

Gefährlichkeit des Virus wird jetzt heruntergespielt

Nachdem die Behörden in den vergangenen Monaten eindringlich vor Omikron warnten, spielen Staatsmedien die Gefährlichkeit des Virus jetzt herunter und vergleichen die Infektion mit einer gewöhnlichen Grippe. Das sorgt für große Verunsicherung. Die Menschen wurden auch eindringlich davor gewarnt, Krankenhäuser aufzusuchen, wenn nicht unbedingt nötig. Vielmehr sollten Patienten die Infektion zuhause mit Grippemitteln selbst kurieren. Da es in China keine niedergelassenen Ärzte gibt, gehen viele Chinesen sonst auch schon mit kleineren Problemen ins Krankenhaus, um einen Arzt zu sehen.

Vor dem Chaoyang Hospital in Peking standen am Wochenende Menschen stundenlang an, wärmten sich bei kaltem Winterwetter und Temperaturen von maximal sechs Grad mit heißen Fertignudelsuppen. Jüngere Familienmitglieder standen in der Schlange für Ältere an. Experten fürchten, dass die Corona-Welle jetzt besonders ältere Menschen treffen wird, die in China aus Angst vor Nebenwirkungen vielfach nicht ausreichend geimpft sind. Nur 40 Prozent der Menschen, die älter als 80 sind, haben bislang eine Booster-Spritze bekommen.

Führende Epidemiologen sagten nach Angaben der parteinahen Zeitung «Global Times», dass die Infektionswelle innerhalb von einem Monat den Höhepunkt erreichen werde. Da nicht mehr getestet und wohl auch kaum noch gemeldet wird, spiegeln die offiziellen Fallzahlen längst nicht mehr das Geschehen wider. Krankmeldungen in Unternehmen steigen rasant in die Höhe. «Ich kenne allein 25 positive Fälle oder Erkrankte in meinem Umfeld», schilderte eine Pekingerin. Ein anderer schätzte, dass ein Drittel seiner Bekannten krank sei. Auch die deutsche Botschaft in Peking war betroffen: «Krankheitsbedingt» hatte die Rechts- und Konsularabteilung am Montag geschlossen.

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