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Pressesprecher der israelischen Armee über die Lage in Israel und Gaza

„Das ist viel schlimmer als 2014“

Tel Aviv

„Dieser Raketenhagel ist mit dem Gaza-Krieg von 2014 nicht vergleichbar. Es ist viel schlimmer“, sagt Arye Shalicar. Unsere Redaktionsmitglieder Claudia Kramer-Santel und Elmar Ries erreichen den Pressesprecher der israelischen Armee (IDF) per Video-Call im Hauptquartier Tel Aviv.

Elmar Ries und Claudia Kramer-Santel

Arye Shalicar vor der „Iron Dome“-Raketenabwehranlage. Foto: Israel Defence Force

Shalicar spricht Deutsch mit Akzent, denn er wuchs in Berlin-Wedding auf. Da er als Jude mit iranischen Wurzeln dort früh muslimischen Antisemitismus kennenlernte, wundern ihn die aktuellen Vorgänge in Deutschland kaum.

Sind Sie vom Umfang des Raketenarsenals in Gaza überrascht?

Shalicar: Wir sind absolut nicht überrascht von der ­„Firepower“ der Hamas, aber die Intensität des Raketenbeschusses aus Gaza ist viel stärker als 2014. Damals wurden in 51 Tagen knapp 5000 Raketen abgeschlossen, mittlerweile sind wir nach nur sieben Tagen schon bei 3200. Von der Tendenz ist es also steigend. Aus unserer Sicht eine deutliche Eskalation, auch weil die Raketen auf Jerusalem und Tel Aviv geschossen wurden.

Wie ist die aktuelle Lage?

Shalicar: Über 1000 Raketen sind vom Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ abgefangen worden. Leider sind auch Dutzende eingeschlagen, nicht nur in Häuser, sondern auch in Synagogen. Dabei sind auch Israelis getötet worden. Rund 500 der Hamas-Raketen sind übrigens in Gaza selbst gelandet. Auch dadurch starben dort Menschen. Außerdem stachelt die Hamas arabische Israelis auf, in Israel auf die Straßen zu gehen. Einige  Tausend sind diesem Aufruf gefolgt. Das bringt Unheil in das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in Israel, das zuvor eigentlich immer besser geworden ist. Wir haben Hunderte Angriffe gegen Terror-Infrastrukturziele im Gaza-Streifen  gestartet und gezielt über 130 Terroristen außer Gefecht gesetzt. Viele haben wir mit Rang und Namen veröffentlicht. Dann haben wir natürlich alles zerstört, was mit Raketen und deren Produktionsstätten zusammenhängt: Waffenlager, Abschussrampen, Tunnelsysteme in Gaza-City.

In Tunneln werden auch die Raketen gebaut?

Shalicar: Ja, direkt unter Gaza-City. Die Tunnel nennen wir hier in Israel Metro. Hamas und der islamische Dschihad haben dort so eine Art unterirdische Parallelwelt des Terrorismus aufgebaut, in die Zivilisten nicht kommen. Es ist wie ein U-Bahn-System zwischen Häusern, Moscheen und Schulen, viele Kilometer lang. Ich habe mehrere dieser Tunnel betreten, die führen teilweise 30 bis 40 Meter in die Tiefe. Es ist eine Tragödie, dass Hamas und islamischer Dschihad die vergangenen Jahre für die Planung dieses Kriegs genutzt haben. Sie haben Zeit, Energie und Geld in erster Linie in Angriff gesteckt und nicht in den Schutz der Menschen. In Israel wurde in Sirenen und Schutzbunker investiert, deshalb gibt es weniger zivile Opfer.

Es gibt aber Kritik an zivilen Opfern in Gaza.

Shalicar: Wir haben kein Interesse an zivilen Opfern. Die israelische Armee klopft an, bevor sie ein Haus angreift. Es gibt viele „Dual-use“-Häuser, in denen Terroristen operieren und bewusst gleichzeitig Zivilisten sind – quasi als menschliche Schutzschilde.

Wie kommt das Material für die Raketen nach Gaza?

Shalicar: Zum einen gibt es ein ausgeklügeltes Schmuggelsystem über Land bzw. unter Wasser. Das Material sind oft „Dual-Use“-Teile, die zweifach verwendet werden können: für zivile – und militärische oder terroristische Zwecke. Hamas hat viel gelernt: Palästinensische Ingenieure wurden insbesondere durch die iranische Revolutionsgarden ausgebildet. Das Know-how des Raketenbaus ist da.

Was sind das für Raketen?

Shalicar: Das sind Raketen mit enormer Sprengkraft im Umkreis von bis zu 40 Metern. Besonders perfide: Jede dieser Raketen, die inzwischen bis zu 80 Kilometer weit fliegen, enthält Dutzende rund zehn Zentimeter lange Metallsplitter, die nach dem Aufprall wie Messer in alle Himmelsrichtungen schießen – eine Art Doppelattacke. Die Metallspitzen stammen aus Stahlträgern, die für den Hausbau benötigt werden. Deshalb kann man es kaum unterbinden, dass sie nach Gaza kommen.

Hamas ist stark getroffen: Kann man sagen, wann keine Raketen mehr fliegen werden?

Shalicar: Auf diese Frage hat niemand, nicht mal der Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, eine Antwort. Hamas und Islamischer Dschihad haben ja diese Raketenabschussrampen, die überall versteckt sind. Das kann noch Wochen und Monate dauern.

Sehen Sie Chancen für die Diplomatie, zum Beispiel von Joe Biden?

Shalicar: Ich hoffe, dass die Kriegshandlungen schnell vorbei sind. Wir wünschen uns nichts mehr, als dass hier Ruhe und Frieden herrschen. Der pessimistische Ausblick ist, dass die freie westliche Welt keinen Partner für den Dialog hat, wenn es um radikal-islamistische Terrororganisationen geht. Es kann keine direkten Kontakte zwischen Hamas und Israel geben, sondern nur indirekt über Vermittler. In der ersten Reihe Ägypten. Es ist im Gespräch mit beiden Seiten, hat sehr gute Verbindungen auch nach Israel. Doch unsere Forderung ist: Keine einzige Rakete mehr auf Israel, null.

Was denkt man in Israel über antisemitische Reaktionen von Zuwanderern in Deutschland?

Shalicar: Was ist daran neu? Ich bin unter Muslimen in Deutschland in Berlin-Wedding aufgewachsen und sehe das seit über 20 Jahren. Wir in Israel haben derzeit kaum Zeit, nach Deutschland zu schauen. Doch es gibt leider in den Reihen der Muslime dort sehr viele dieser Tendenzen: Das ist kein Protest gegen die israelische Politik, das ist Antisemitismus. Punkt.

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