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Krieg in der Ukraine

Der Preis der Solidarität

Berlin (dpa)

Russlands Krieg gegen die Ukraine hinterlässt in Deutschland Spuren. Auf den Straßen, in den Flüchtlingsunterkünften, auch an der Tankstelle.

Von Theresa Münch, dpa

Demonstration gegen den Krieg in der Ukraine in Berlin. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Das Gefühl ist geradezu greifbar: An den Bahnhöfen, wo Züge voller ukrainischer Familien ankommen. Am Brandenburger Tor inmitten Hunderttausender Friedensdemonstranten.

Im Zug, wenn Durchsagen auf Ukrainisch kommen. Selten wurden so viele fremde Menschen hierzulande mit so offenen Herzen empfangen wie seit dem 24. Februar 2022, dem Tag, an dem Wladimir Putins Russland die Ukraine angriff. Man hat das Gefühl: Deutschland ist seit Kriegsbeginn ein Stück zusammengerückt. Doch langsam dämmert vielen auch, wie hoch der Einsatz sein könnte: Welchen Preis sind wir für unsere Solidarität zu zahlen bereit - oder gar imstande?

Den Soziologen Stephan Lessenich überrascht die Welle der Hilfsbereitschaft nicht. «Akte zu spontaner Hilfe in Krisenzeiten sind schon erwartbar, individuell, aber auch kollektiv», sagt er. Die Politik wird von dieser Welle mitgetragen. In Deutschland gewinnt die Ampel-Regierung wieder an Zustimmung, seit Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag zupackend eine Zeitenwende in der deutschen Sicherheitspolitik angekündigt hat. In Großbritannien fragt kaum noch jemand nach den Partys in der Downing Street, im französischen Wahlkampf wirken die Konkurrenten von Präsident Emmanuel Macron fast wie Zaungäste eines Krisendiplomaten.

«Eine Erweiterung des Ichs»

Es ist bekannt: Nichts schweißt zusammen wie ein gemeinsamer Gegner. Lessenich, der zu Solidarität in Krisenzeiten forscht, sieht neben Mitgefühl auch Empörung und Wut, vielleicht sogar Hass als Treiber des neuen Lebensgefühls. Für den früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck gehört noch mehr dazu: «Wir wollen uns selbst mögen», sagte er in der ARD-Talkshow «Maischberger». «Das ist oft so bei helfenden Menschen, dass sie, indem sie sich für andere opfern, auch für das eigene Ich etwas tun.» Sobald man sich nicht mehr ständig den eigenen Nutzen seines Handels ausrechne, erlebe man «eine Erweiterung des Ichs». «Das Leben wird dann schön, obwohl es schwieriger wird.»

Glaubt man Plakaten und Umfragen, wollen viele Bürger diese Schwierigkeiten in Kauf nehmen. «Frieren für den Frieden» heißt es da oder «Lieber Frieren als Putins Krieg finanzieren». Es soll bedeuten: Wir sind bereit, einen Preis zu zahlen für unsere Solidarität mit den Menschen in der Ukraine.

Manche nennen es den «Preis der Freiheit» - auch wenn, wie die Sozialethikerin Michelle Becka betont, es wohl eher die Menschen in Kiew, in Charkiw und anderen umkämpften ukrainischen Städten sind, die bitter für ihre Freiheit bezahlen. «Die zahlen tatsächlich den Preis für ihre Freiheit - und letztlich auch unsere Freiheit, die sie verteidigen», sagt Becka. Von den Bürgern in Deutschland sei Solidarität gefragt - «aber die kann ja auch einen Preis haben.»

Mehr und mehr geht es dabei auch um Geld. Zumindest ein Teil des Preises, den Bürger hierzulande für den Krieg zahlen, steht auf den Schildern an der Tankstelle, er wird im Sommer auf der Nebenkostenabrechnung fürs Heizen stehen. Die Preise für Strom, Sprit, Gas, aber auch Lebensmittel schießen in die Höhe. Diesel und Benzin haben an den Tanksäulen längst die magische 2-Euro-Marke überschritten.

Die Bundesregierung hat zwar ein Entlastungspaket auf den Weg gebracht - doch im Geldbeutel wird man zunächst spüren, dass vieles teurer wird. Denn die Abschaffung der EEG-Umlage kann frühestens im Sommer die Stromrechnung drücken. Fernpendler werden erst mit der Steuererklärung im nächsten Jahr entlastet.

Wie steht es dann noch mit der Solidarität, wenn es ans Eingemachte geht? Lessenich hat Zweifel: «Man wird sehen, wie schnell das kippt, wenn man wirklich mit Einschränkungen zu rechnen hat, dass man hier seine Wohnung nicht mehr heizen kann», sagt er. «Dann geht man wahrscheinlich nicht mehr auf die Demo und hält «Lieber frieren als Putins Gas» in die Höhe.»

Noch aber fordern viele die Bundesregierung auf, russische Gaslieferungen nach Europa aktiv zu boykottieren, um Putin den Geldhahn noch weiter abzudrehen. Einer YouGov-Umfrage für die Deutsche Presse-Agentur zufolge würde fast jeder Zweite einen Stopp der Energielieferungen eher oder voll befürworten - selbst wenn dies für Wirtschaft und Verbraucher Preissteigerungen bedeutet. Und auch Gauck sagt: «Wir können auch einmal frieren für die Freiheit. Und wir können auch einmal ein paar Jahre ertragen, dass wir weniger an Lebensglück und Lebensfreude haben.»

Gefahr einer Spaltung

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) rechnet zwar nicht damit, dass ohne russisches Gas nicht mehr geheizt werden kann. Doch er erwartet eine schwere Wirtschaftskrise mit Arbeitslosigkeit und Unternehmenszusammenbrüchen. Man könne sagen, das sei einem der Frieden wert, meint er. «Aber man muss es dann auch durchhalten. Und wir reden hier nicht über drei Tage und auch nicht über drei Wochen, sondern - ich sage jetzt mal - über drei Jahre.»

Ist der relative Preis der Solidarität für manche also höher als für andere? Es gebe viele, «die von ihrer moralischen Intuition her gerne einen Preis dafür zahlen würden, das aber einfach nicht können», gibt Soziologe Lessenich zu bedenken. «Und die, die in gutbürgerlichen Vierteln in großen Wohnungen leben, können natürlich leicht sehr wohlklingende Parolen auf Demonstrationen äußern.» Auch die Sozialethikerin Becka sieht die Gefahr einer Spaltung zwischen denjenigen, deren Wohlstand lediglich eingeschränkt wird und denjenigen, die existenziell betroffen sind.

Um diese Spaltung aufzufangen, müsse die Politik Bürger entlasten. «Es wäre ganz wichtig, ein klares Zeichen zu setzen», sagt Becka. «Vor allem für die, denen es jetzt schon weh tut, die Heizung abzudrehen, zu tanken.» In der Flüchtlingskrise 2015/16 sei die Stimmung auch gekippt, als immer mehr Menschen das Gefühl bekamen: «Die bekommen alles und sie bekommen nichts.» Die Bürger seien selbst eher bereit, Opfer zu bringen, wenn sie dies auch beim Staat sehen.

Die Bundesregierung ringt derzeit um weitere Entlastungsschritte. Zwar schließe er nichts aus, derzeit sei jedoch nichts geplant, sagt Finanzminister Christian Lindner. «Wir müssen gemeinsam erkennen, dass es auch unser Beitrag zur Solidarität mit der Ukraine ist, negative wirtschaftliche Auswirkungen in Kauf zu nehmen.»

Grünen-Chef Omid Nouripour dagegen hält weitere Hilfen «für schwache Portemonnaies» für nötig. Zumindest der Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger soll nun höher ausfallen als die geplanten 135 Euro. Die Summe war vor dem Krieg in der Ukraine berechnet worden - und es ist klar, dass sie den Heizkosten-Schock im Sommer kaum auffangen wird.

Was ist also mit den Menschen, die angesichts der Preise an der Tankstelle und beim Heizen jetzt zusammenzucken - und deshalb im Konzert der Solidaritätsbekundungen ein wenig leiser sind? «Ich finde, dass niemand sich schlecht fühlen muss, weil er 2015 keinen Geflüchteten aufgenommen hat oder heute das nicht macht», sagt Lessenich. Schlecht fühlen müsse man sich aber, «wenn man überhaupt vor dem Gesamtzusammenhang die Augen verschließt», wenn man sich nicht zur politischen Frage des Ukraine-Kriegs positioniere.

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