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Die Straße der Hoffnung

Die unzureichende Infrastruktur in Liberia lähmt das Land – doch es gibt vielversprechende Konzepte

Monrovia

Manchmal verfinstert sich Victor B. Smiths Blick plötzlich und er schaut einen Moment lang traurig an die Wand. Es sind Sekunden, in denen ihm selbst die Zahlen klar werden. Victor B. Smith ist Liberias Vizeminister für öffentliche Arbeiten und zuständig für die Infrastruktur im Land. Er hat viele Pläne, doch sein Land hat kein Geld. Deshalb muss der Politiker seinen Mut aus wenigen Projekten ziehen, die umgesetzt werden. Die Piste nach Gbarnga ist in diesen Wochen seine Straße der Hoffnung.

unseremRedaktionsmitgliedGunnar A. Pier

Sand statt Asphalt: So wie hier nahe Gbarnga sehen 85 Prozent der Straßen in Liberia aus. In der Trockenzeit geht‘s dort voran, doch die Regenzeit verwandelt sie in unbefahrbare Schlammpisten. Foto: Gunnar A. Pier

Im Jahr neun nach dem verheerenden Bürgerkrieg steht es nicht gut um die Straßen in Liberia. Nur etwa 15 Prozent der Strecken sind befestigt, die übrigen 85 Prozent sind Sandpisten, für die es in der englischen Sprache einen viel schöneren Ausdruck gibt: „Dirt Roads“. Das ist besonders verhängnisvoll in einem Land mit solch heftigen Regenzeiten, wie Liberia sie Jahr für Jahr erlebt. Im September, berichtet Victor B. Smith, fielen mehr als 900 Millimeter Regen. In Deutschland waren es weniger als 50 Millimeter. Während also hierzulande das Wasser in aller Regel ganz unspektakulär im Gulli verschwindet, verwandelt es in Liberia selbst wichtige Überlandverbindungen in unpassierbare Schlammbahnen.

Das lähmt das Land. So haben Experten keinen Zweifel daran, dass Liberia sich selbst ernähren könnte: Die Böden sind fruchtbar, das Wetter passt – drei Ernten sind möglich, es gäbe Reis und Mais für alle. Doch was nutzt es, wenn die Ernte fernab der Stadt vergammelt, weil sie nicht dorthin transportiert werden kann, wo die Menschen wohnen? Etwa ein Drittel des liberianischen Reises geht noch während der Lagerung verloren – durch Schimmel und Ungeziefer. Cassavas bleiben nach der Ernte maximal fünf Tage genießbar – zu wenig Zeit, um sie beispielsweise nach Monrovia zu transportieren. Aber dort, in der Hauptstadt, wohnt etwa ein Drittel aller Liberianer.

„60 Prozent des Reises wird heute importiert“, rechnet Alghassim Wurie, der stellvertretende Landesdirektor der UN-Organisation World Food Programme, vor. Der Zukauf dieses Standard-Lebensmittels verschlingt nach Angaben seines Mitarbeiters James Legg ein Viertel des Staatsbudgets. Dass die Landwirtschaftsregionen nur unzureichend an die Märkte angeschlossen sind, ist nicht der einzige Grund dafür – aber ein ganz entscheidender.

Auch die Nutzung der Bodenschätze krankt am Schlamm auf den Straßen: Erze, Diamanten, Gold lassen sich nur mühsam bergen.

Victor B. Smith weiß das alles und berichtet stolz vom jüngsten Deal. Für 166 Millionen Dollar wird die etwa 100 Kilometer lange Straße nach Gbarnga im Landesinneren neu gebaut. Eine chinesische Firma hat bei der Ausschreibung den Zuschlag erhalten. Das Konzept ist neu: Der Vertrag läuft über zehn Jahre. Drei Jahre lang wird die Straße gebaut, in den folgenden sieben Jahren kümmern sich die Chinesen auch um die Unterhaltung. Denn die Instandhaltung gehört nicht zu den Talenten afrikanischer Länder. So ist die Straße nach Gbarnga eigentlich fertig asphaltiert – doch sie wurde bislang so schlecht gewartet, dass es stellenweise fast nur noch mit einem Allradfahrzeug weitergeht. Bezahlt wird der Neubau nun von der Weltbank, auch Deutschland ist mit 34 Millionen Euro beteiligt.

Victor B. Smith gibt das Hoffnung. Doch dann wird ihm wieder klar: Alle Provinzhauptstädte mit befestigten Straßen zu verbinden, würde 900 Millionen US-Dollar kosten. Liberias gesamter Staatshaushalt wiegt keine 700 Millionen . . .

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