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Geschichte

Großes Interesse der Jugend an NS-Zeit

Köln (dpa)

Rieseninteresse, aber auch Angst und Faszination sind kennzeichnend für die Einstellung der jungen Generation zur NS-Zeit. Eine Studie zeigt: Die Beschäftigung sensibilisiert auch für heutigen Rassismus.

Von Christoph Driessen, dpa

Das Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Foto: Paul Zinken/dpa

Anziehend und abschreckend zugleich, unheimlich und absolut extrem - so nimmt die Jugend einer Studie zufolge die NS-Zeit wahr.

Die Generation der 16- bis 25-Jährigen interessiert sich demnach enorm für die Epoche - mehr noch als ihre Eltern, die ihr zeitlich näher sind. Die Monstrosität der NS-Verbrechen löse dabei eine Mischung aus Faszination und Angst aus, ergab eine sowohl repräsentative als auch tiefenpsychologische Studie des Kölner Rheingold-Instituts im Auftrag der Arolsen Archives in Hessen. Die Konfrontation mit der Schreckenszeit habe geradezu den Charakter einer Mutprobe.

Während sich bei den 16- bis 25-Jährigen 75 Prozent für die NS-Zeit interessierten, seien es bei den 40- bis 60-Jährigen 66 Prozent. Die Elterngeneration habe auch eine distanziertere Einstellung zu dem Thema und lasse die emotionale Bedrückung nicht so stark an sich heran wie die sogenannte «Gen Z».

Das Gefühl, frei von Schuld zu sein, sei bei dieser Generation noch größer und ermögliche dadurch eine noch unbefangenere Beschäftigung mit dem Thema, sagte Rheingold-Chef Stephan Grünewald der Deutschen Presse-Agentur. Daneben sei der Nationalsozialismus für die etwa 20-Jährigen noch stärker als für ihre Eltern ein extremes Gegenbild zur heutigen Welt, in der ihnen alle Möglichkeiten offen stünden.

«Demokratien können in Gefahr geraten»

Dazu kommen für die jungen Menschen offenkundige aktuelle Bezüge. «Heute erlebt diese Generation, dass Demokratien in Gefahr geraten können», sagte Floriane Azoulay, die Direktorin der Arolsen Archives, das nach eigenen Angaben das weltweit umfassendste Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus ist. «Ich finde es sehr gut nachvollziehbar, dass Erinnerung für sie mit dem Blick in ihre eigene Lebenswelt verbunden ist, in der populistische, autoritäre und intolerante Stimmen immer lauter zu hören sind.»

Die NS-Zeit helfe der «Gen Z» dabei, zentrale Lebensfragen besser zu verstehen. 39 Prozent schätzen laut Studie Rassismus als eines der wichtigsten Probleme der heutigen Gesellschaft ein - bei der Elterngeneration sind das nur 14 Prozent. Für junge Menschen mit Migrationshintergrund ist das Thema Rassismus mit 46 Prozent noch relevanter.

Interesse auch an der Täterseite

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind dabei nicht nur an den Opfern des NS-Regimes interessiert, sondern auch an der Täterseite. «Sie fragen sich: Was hätte ich damals getan? Hätte ich vielleicht auch meine jüdischen Nachbarn verraten?» Das mache einerseits Angst, weil man sich selbst vielleicht unliebsame Wahrheiten eingestehen müsse, sagte Grünewald. «Es immunisiert aber auch.»

In den Tiefeninterviews sei eine «unheimliche Faszination» des Themas spürbar gewesen. Es gebe mitunter sogar die Befürchtung, nach einer intensiven Auseinandersetzung damit nicht mehr derselbe Mensch zu sein: «Man blickt in einen Abgrund und weiß nicht, was dieser Abgrund mit einem macht», sagte der Psychologe.

Während sich ein Großteil der Generation Z entschieden vom Nationalsozialismus distanziere, scheine ein kleiner Teil mit rechtem Gedankengut zu sympathisieren, ohne sich offen dazu zu bekennen. «Die berauschen sich dann an der Machtentfaltung, dass die ganze Welt Angst vor den Deutschen hatte», sagte Grünewald.

Nicht nur nacktes Faktenwissen vermitteln

Was die Vermittlung in der Schule betrifft, so ist es nach Grünewalds Worten entscheidend, nicht nur nacktes Faktenwissen zu vermitteln, sondern eine Brücke zu schlagen zum Leben der Schülerinnen und Schüler. Der Gegenwartsbezug sei entscheidend. Geschichte müsse mit dem Heute verknüpft werden.

«Überraschend war für mich, dass viele sagen, sie wollen sich selber die Geschichte erschließen», so Grünewald. «Sie wünschen sich dafür einen Raum, in dem sie sich zunächst einmal ohne verordnete Moral mit dem Thema auseinandersetzen können. Alles was tabuisiert ist, ist ja schon direkt mit einem moralischen Etikett versehen.» Dann hätten viele auch Hemmungen, sich offen zu äußern, weil sie befürchteten, ins Fettnäpfchen zu treten.

Für die Studie wurden insgesamt 100 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 25 Jahren sowie Erwachsene im Alter zwischen 40 und 60 Jahren tiefenpsychologisch befragt. In einer anschließenden quantitativen Erhebung wurden noch einmal 1058 Jugendliche und Erwachsene befragt.

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