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Notfälle

Kommt die Entlastung für die Rettungsdienste?

Berlin (dpa)

Die Infektionswelle bringt viele Kliniken an ihre Grenzen - und zum Jahreswechsel mit Böllern und Raketen dürfte es nicht ruhiger werden. Überhaupt steht das Notfallsystem unter Dauerdruck. Was tun?

Von Sascha Meyer, dpa

Das Notfallsystem steht unter Dauerdruck. Foto: Hannes P Albert/dpa

Viele Notaufnahmen am Limit, Rettungswagen im Stress: Die Grünen dringen auf eine umfassende Reform der Notfallversorgung und mehr andere Hilfsangebote auch jenseits der Rettungsdienste. «Niemand ruft aus Langeweile den Notruf oder setzt sich gerne stundenlang in eine überfüllte Notaufnahme», sagte Gesundheitsexperte Janosch Dahmen der Deutschen Presse-Agentur.

«Der Rettungsdienst und die Notfallversorgung sind das letzte Fangnetz unserer Gesellschaft, was immer da ist.» Das gelte nicht nur bei Lebensgefahr, sondern auch, wenn sonst niemand mehr da sei. «In unserer aller Interesse müssen wir dafür sorgen, dass es angesichts wachsender Herausforderungen nicht vor Überlastung zerreißt.»

Strukturelle Probleme treffen auf hohe Krankenzahlen

Aktuell träfen strukturelle Probleme zusätzlich noch auf Rekordzahlen an Atemwegserkrankungen, machte Dahmen deutlich. Die demografische Entwicklung führe im Rettungsdienst wie in anderen Teilen des Gesundheitswesens zu immer weniger Fachpersonal und gleichzeitig immer mehr Patienten. Hinzu kämen seit Jahren mehr chronische Erkrankungen, Einsamkeit und fehlende soziale Hilfsnetzwerke. Auch ambulante Angebote wie Hausarztbesuche und Pflegedienste brächen weg. «Die Folge dieser Entwicklungen ist nicht nur völlig überarbeitetes Personal, sondern auch eine zunehmende Patientengefährdung.»

So würden jeden Tag Menschen aus Alten- und Pflegeheimen nur deswegen in Krankenhäuser eingewiesen, weil sie in den Einrichtungen mangels Personals oder qualifizierter Hilfe nicht versorgt werden könnten. Menschen mit akuten psychischen Erkrankungen würden zwischen den Zuständigkeiten von Rettungsdienst, ambulanten Einrichtungen und Klinik hin- und hergeschoben. «Mancher, der in Obdachlosigkeit lebt und eher einen warmen Schlafplatz, etwas zu essen oder ein offenes Ohr braucht als Blaulicht und Martinshorn, muss - um nicht durch Kälte, Hunger und Einsamkeit zum Notfall zu werden - in Ermangelung anderer Hilfen trotzdem vom Rettungsdienst versorgt werden.»

Die Reform der Notfallversorgung werde ein zentrales Vorhaben der Ampel-Koalition 2023 sein, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen. Es sei an der Zeit, den Notruf 112 und die ärztliche Bereitschaftshotline 116 117 stärker miteinander zu verbinden. Zudem gelte es, die telemedizinische Beratung in den Leitstellen auszubauen und neben Rettungswagen etwa auch Krisendienste oder Notfallpflege bereitzuhalten. «In Notaufnahmen sollten wir ständig auch ambulante Notfallpraxen durch die kassenärztlichen Vereinigungen betreiben», sagte Dahmen, der als Oberarzt im Rettungsdienst in Berlin arbeitete.

Reform der Notfallversorgung geplant

Eine von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eingesetzte Expertenkommission zu den Kliniken soll auch Empfehlungen für eine Reform der Notfallversorgung erarbeiten, wie das Ressort mitteilte. Im Blick stehen etwa eine stärkere Digitalisierung und Vernetzung aller Beteiligten sowie standardisierte Ersteinschätzungen, in welche Einrichtungen Patienten am besten gelenkt werden sollen. Dahmen sagte, man müsse den Rettungsdienst auch so finanzieren, dass nicht nur der Transport ins Krankenhaus möglich sei - sondern auch eine abschließende qualifizierte Versorgung direkt am Notfallort.

Vertreter von Rettungsdiensten warnen schon länger vor einem Kollaps und fordern rasche Maßnahmen gegen Überlastung und Personalnot. Es bestehe die Gefahr, dass das System zusammenbreche, warnte Mitte Dezember ein «Bündnis pro Rettungsdienst», dem mehrere Organisationen angehören. Der Rettungsdienst sei leistungsfähig, komme aber immer mehr an seine Grenzen. Oft seien es Bagatellfälle, mehr Personal für mehr Einsätze sei aber nicht verfügbar. Die Gewerkschaft Verdi will in Tarifverhandlungen für Beschäftigte im kommunalen Rettungsdienst eine Verkürzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 44 Stunden durchsetzen. Überlange Arbeitszeiten von bis zu 48 Stunden führten zu Gesundheitsbelastungen und müssten der Vergangenheit angehören.

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