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Elmar Brok übernimmt neue Aufgaben im EU-Parlament

Mr. Europa startet zu neuen Ufern

Münster

„Ich bin dabei, mich neu zu erfinden“

Claudia Kramer-Santel

Elmar Brok war 13 Jahre – mit Unterbrechungen – Chef des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament. Foto: Jürgen Peperhowe

„Kohls letzter Mann tritt ab“, titelte unlängst ein Magazin. Gemeint ist Elmar Brok, 70, der 13 Jahre Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament war: Dieses Amt hat er nun an David McAllister abgegeben. Doch kürzer treten? Der CDU-Politiker ist häufiger denn je in Talkshows zu sehen. Er trifft wichtige Politiker, rast zwischen Schauplätzen der Weltpolitik, Brüssel und Ostwestfalen-Lippe hin und her.

Doch manchmal hat er auch ein Stündchen Zeit, um zu telefonieren. Wie an einem trüben Freitagmittag in Bielefeld. Nicht Angela Merkel habe ihn dazu gedrängt, aufzuhören. Vielmehr habe ihn die Regierungschefin 2014 ermuntert, noch zweieinhalb Jahre im Amt zu bleiben. Er wolle kürzertreten, sich nicht mehr so viel Ballast aufladen. „Irgendwann ist es auch gut, irgendwann ist man es leid.“

Doch warum klappt das Kürzertreten nicht wirklich? Ein Grund: Brok treibt die Besorgnis über die krisenhafte Weltlage um. Türkei, Brexit, EU, Ukraine, IS-Terror. Und nun noch Trump. Es geht ihm um die Zukunft Europas, des großen Friedensprojektes: „Wir hatten 70 Jahre Frieden, Wohlstand wie keine andere Generation. 50 Prozent aller staat­lichen Sozialleistungen dieser Erde werden an die Bürger der EU ausgezahlt.“ Das müsse man wertschätzen.

Herzensangelegenheit ist für ihn auch Israel. Mit seinem Nachfolger führte ihn eine seiner letzte Reisen im Amt in den Nahen Osten, wo er viele Kontakte hat: Es ging nach Jerusalem, Ramallah, Amman. Das war symbolhaft. „Wir haben geschichtlich eine Verpflichtung“, meint er. Als junger Mann habe er sich bei der israelischen Armee gemeldet, um 1967 im Sechs-Tage-Krieg mitzukämpfen. Nun setzt er sich weiter für eine Friedens­lösung mit den Palästinensern ein.

Neue Ämter rufen, und die haben es in sich: Ausgerechnet der Vollbluteuropäer Brok wurde gerade von der EVP-Fraktion ernannt, das Brexit-Verfahren für Großbritannien zu koordinieren, also einen Teil der EU ab­zuwickeln: „Traurig“, sagt er. Sein Ziel: Faire Verhandlungen, den Schaden gering halten, doch darauf achten, dass es keine Rosinenpickerei für Großbritannien gibt. Das Parlament muss zustimmen – viel Beratungs­bedarf. Dies aus der Distanz beobachten? Für ihn nicht möglich.

Trotz aller Emotionalität – Brok empfiehlt, gerade im Umgang mit Politikern wie Donald Trump cool und nüchtern zu bleiben, auf Provokation nicht mit Provokation zu antworten. „Man muss klare Positionen vertreten, dann wird man geachtet.“ Und: „Wir müssen darauf aufpassen, dass es nicht gelingt, uns Europäer aus­einanderzudividieren.“

Mehr Sorgen als politische Draufgänger im Ausland machen ihm ohnehin Feinde in den eigenen Reihen, sagt er – und nimmt es wieder zurück: „Alles nur ironische Lästerei.“

Den größten Feind der Ordnung, die seine Generation aufgebaut hat, sieht er im eigenen Land: Die Afd mit ihrem Kurs gegen die EU, pro Russland, gegen Migration. Vieles erinnert ihn an die 30er Jahre. Dass die AfD im EU-Parlament oft zusammen mit den Kommunisten stimmt, ist eins dieser gefährlichen Anzeichen: „Es kommt nichts gemeinsames zustande, sie wollen zer­stören.“ Wer glaube, die AfD sei normal, nur weil auch Bürgerliche sie unterstützen, irre sich gewaltig.

„Ich bin dabei, mich neu zu erfinden“, meint Brok. Ihm geht es nun um eine Art Vermächtnis: „Meine Generation ist die glücklichste der Geschichte. Dank der EU. Ich habe fünf Enkel. Wenn die auch noch etwas davon haben, dann haben wir es gut gemacht.“

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