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Kirche

Schock in Frankreich: Kardinal macht Missbrauchsgeständnis

Lourdes (dpa)

Auf der Tagung der Bischofskonferenz schlägt Kardinal Ricards Missbrauchsgeständnis ein wie eine Bombe. Gegen einen der höchsten Geistlichen Frankreichs wird nun ermittelt.

Von Michael Evers, dpa

Monsignore Jean-Pierre Ricard gestand, dass er vor fünfunddreißig Jahren ein 14-jähriges Mädchen missbraucht habe und sich von seinen Ämtern zurückzieht. Foto: Andrew Medichini/AP/dpa

Frankreichs Bischofskonferenz hat ohnehin gerade mit einem unbequemen Missbrauchsskandal in den eigenen Reihen zu tun, als ein noch erschütternderer Fall Schockwellen auslöst. Von Kardinal Jean-Pierre Ricard, einem der höchsten katholischen Geistlichen in Frankreich, trifft während der Herbsttagung der Bischofskonferenz in Lourdes ein Missbrauchsgeständnis ein.

Die Staatsanwaltschaft in Marseille hat inzwischen Vorermittlungen gegen den Geistlichen wegen schwerer sexueller Belästigung eingeleitet. Die genaue Art der angezeigten Taten und ihre Datierung müssten überprüft und Beteiligte vernommen werden, teilte die Behörde am Dienstag mit.

«Auf verwerfliche Weise verhalten»

Der ehemalige Vorsitzende von Frankreichs katholischer Bischofskonferenz hat zugegeben, in den 1980er Jahren ein 14-jähriges Mädchen missbraucht zu haben. Ein entsprechendes Schreiben hatte die französische Bischofskonferenz am Montag bei einer außerplanmäßigen Pressekonferenz öffentlich gemacht. Darin bezichtigte sich der 78-Jährige selbst, sich dem Mädchen gegenüber «auf verwerfliche Weise verhalten» zu haben.

Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, hatten sich zunächst die Eltern des Kindes im Februar an die Kirche gewandt und unter Verweis auf die Jahrzehnte zurückliegende Tat des Kardinals dagegen protestiert, dass dieser zum Leiter einer Untersuchung von Kinderheimen bestimmt wird. Einem Prälaten der Kirche gegenüber habe der Kardinal eingeräumt, das Mädchen vor über 40 Jahren geküsst zu haben. Der Prälat leitete diese Information und das Schreiben der Eltern Ende Oktober an die Staatsanwaltschaft weiter.

Berater von Papst Franziskus

Ricard war früher Erzbischof von Bordeaux. Die Bischofskonferenz leitete er von 2001 bis 2007. Als Kardinal ist er auch Berater von Papst Franziskus. Aufgrund der eingeräumten Taten habe er sich entschlossen, «eine Zeit des Rückzugs und des Gebets einzulegen», erklärte Ricard. Der heutige Vorsitzende der Konferenz, Erzbischof Éric de Moulins-Beaufort, bezeichnete das Geständnis des Kardinals am Montag als «Schock». Insgesamt seien in Frankreich zehn zumeist ehemalige Bischöfe in Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen ins Visier der Justiz oder innerkirchlicher Ermittlungen geraten.

Wohl Hunderttausende Opfer

Dabei war längst klar, dass die katholische Kirche in Frankreich eine Missbrauchsproblematik großen Umfangs aufzuarbeiten hat. Eine im Oktober vergangenen Jahres vorgelegte Studie kam zu dem Schluss, dass in der katholischen Kirche in dem Land seit den 1950er Jahren hochgerechnet 216.000 Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind. Unter Einbeziehung der von der Kirche betriebenen Einrichtungen wird von 330.000 Opfern ausgegangen. Nur wenige Betroffene gaben sich aber der Kirche oder Behörden gegenüber als Opfer zu erkennen.

Zwar räumte die Kirche auch eine institutionelle Verantwortung für den massenhaften Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ein, Täter wurden aber bis in jüngste Zeit geschützt. So war es auf der Bischofstagung bis zu Ricards Geständnis um den 2020 angeblich aus Gesundheitsgründen zurückgetretenen Bischof Michel Santier gegangen. Medien hatten kürzlich enthüllt, dass Santier wegen Missbrauchsvorwürfen von der Kirche sanktioniert wurde und den Posten räumte - öffentlich gemacht hatte die Kirche das aber damals nicht. In die Aufarbeitung dieser Umstände platzte am Montag der Brief von Ricard.

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