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Steinmeier: Chanukka-Feier mit Enkeln geflohener Familie

Berlin (dpa)

Juden feiern in diesen Tagen das Lichterfest Chanukka. Im Schloss Bellevue entzündet der Bundespräsident mit Nachfahren einer vor den Nazis geflohenen Familie eine Kerze an einem besonderen Chanukka-Leuchter.

Von dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender sowie Yehuda Mansbach (r), der Enkel von Rabbiner Arthur Posner, bei der gemeinsamen Chanukka-Feier im Schloss Bellevue. Auf der Fensterbank steht der Chanukka-Leuchter der Familie Posner. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Es ist ein Blick in den Abgrund deutscher Geschichte und ein Zeichen der Hoffnung zugleich: Rund 90 Jahre nach der Flucht der Kieler Rabbinerfamilie Posner vor den Nationalsozialisten hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit den Nachfahren das Lichterfest Chanukka gefeiert. Dabei entzündeten er und seine Frau Elke Büdenbender am Montag mit dem Enkel Yehuda Mansbach zwei Kerzen am Chanukka-Leuchter der Familie, der durch ein Foto international bekannt geworden ist.

«Es ehrt unser Land, dass Sie als Nachfahren von Holocaust-Überlebenden die Mühe und - wie ich weiß - auch den Schmerz auf sich genommen haben, zum ersten Mal nach der Schoah nach Deutschland zu kommen, sagte Steinmeier. «Für eine solche Offenheit, für solche Gesten können wir gar nicht genug dankbar sein.»

Bundeskanzler Olaf Scholz feierte in Berlin an der jüdischen Heinz-Galinski-Grundschule mit Jungen und Mädchen das Chanukka-Fest. Dieses erinnert an die Weihung des Tempels in Jerusalem vor mehr als 2200 Jahren und an die Überlieferung eines «Lichtwunders». Während des achttägigen Fests werden nacheinander Lichter an einem acht- oder neunarmigen Leuchter entzündet.

Berühmtes Foto aus dem Jahr 1931

Rahel Posner hatte den auf einer Fensterbank in ihrer Kieler Wohnung stehenden Chanukka-Leuchter 1931 fotografiert. Draußen sieht man am Gebäude gegenüber, in dem die Kreisleitung der NSDAP untergebracht war, die gehisste Hakenkreuzfahne. Auf der Flucht nach Palästina nahm die Familie 1933 ihren Leuchter mit. Er steht heute als Dauerleihgabe im Museum zur Zeitgeschichte des Holocausts in Yad Vashem in Jerusalem. Auch das Foto ist dort ausgestellt. Für die jährliche Chanukkafeier erhält die Familie den Leuchter jedes Jahr zurück.

Steinmeier nannte es ein Wunder, dass nach dem Menschheitsverbrechen der Schoah in Deutschland wieder jüdisches Leben blühe. «Wir erleben das wunderbare Geschenk der Versöhnung.» Das Foto zeige die unmittelbar drohende Gefahr, den wachsenden Hass auf Juden. Es enthalte aber auch ein Signal der Widerstandskraft und der Hoffnung.

Bundespräsident beklagt wachsenden Antisemitismus

Heute wachse der Antisemitismus wieder, judenfeindliche Verschwörungsmythen verbreiteten sich teils bis in die Mitte der Gesellschaft, Jüdinnen und Juden würden beleidigt und angegriffen, sagte Steinmeier. «Deswegen müssen wir alle, jede und jeder Einzelne, immer wieder Haltung zeigen gegen jede Form von Antisemitismus. Niemand darf wegschauen.» Auch der Staat müsse wachsam sein - «und unerbittlich in der Verfolgung von Straftaten». Zudem dürfe das Erinnern an den Holocaust niemals nachlassen, betonte Steinmeier.

Ruth Ur vom Freundeskreis Yad Vashem nannte die Chanukka-Feier im Schloss Bellevue im Namen der Berliner und der deutschen Juden ein «sehr, sehr wichtiges Zeichen, dass wir hier in dieses Land gehören».

Scholz dankte der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland für die Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine. Das sei eine große Unterstützung, sagte er. Auch Scholz nannte es ein Wunder, dass es heute wieder ein blühendes jüdisches Leben in Deutschland gebe, nach dem unvorstellbaren Leid des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden Europas. Deutschland habe inzwischen wieder die drittgrößte jüdische Gemeinde in Europa.

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