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Interview mit Leiter für internationale Zusammenarbeit

DRK über riskante Hilfstransporte und die Spenden-Verteilung in der Ukraine

Münster/Berlin/Kiew

Auch das Deutsche Rote Kreuz lobt die „beispiellose Spendenbereitschaft“ der Deutschen. Das DRK rät aber davon ab, nicht mit den Hilfsorganisationen abgestimmte Lieferungen in die Ukraine zu schicken – oder gar auf Eigeninitiative ins Kriegsgebiet zu fahren.

Von Stefan Biestmann

Helfer vom Ukrainischen Roten Kreuz verteilen auf einer U-Bahnstation in Kiew Getränke und Lebensmittel an die Zivilbevölkerung. Foto: Foto: DRK

Die Not der Menschen in der Ukrai­ne wird immer größer. In dieser Woche kam der erste große Hilfskonvoi des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Polen an. Die Hilfsgüter gingen an Menschen auf der Flucht und Menschen in der Ukraine. Christof Johnen, DRK-Leiter für internationale Zusammenarbeit, berichtet im Interview mit unserer Redaktion über gefährliche Transporte, die sinnvollste Art der Spende und die geplante Versorgungslinie ins Kriegsgebiet.

Wie kann man aktuell den Menschen in der Ukraine am besten helfen?

Christof Johnen: Wir wissen, dass die Betroffenheit angesichts der entsetzlichen Ereignisse in der Ukraine auch in der deutschen Bevölkerung groß ist und der Wunsch, den betroffenen Menschen Unterstützung zu bieten, ebenso. Die beste Möglichkeit zu helfen, sind Geldspenden – auch wenn das für viele wenig persönlich erscheinen mag. Geldspenden können flexibel eingesetzt werden. Damit lässt sich die humanitäre Hilfe an die Situation vor Ort anpassen, die sich in der Ukraine ja weiterhin schnell ändert – und damit auch an den tatsächlichen Bedarf der Menschen.

Welche Sachspenden werden aktuell nicht benötigt?

Johnen: Die Not der Menschen und damit ihr Bedarf an Unterstützung ist groß. Damit Hilfe tatsächlich ankommt, bitten uns unsere Schwestergesellschaften sehr eindringlich darum, die stark beanspruchten Logistik- und Hilfeleistungsstrukturen nicht zu blockieren. Gut gemeinte, aber nicht abgestimmte Lieferungen füllen Lagerhäuser, binden Transport- und Sortierkapazitäten. Sie helfen leider nicht, sie behindern die humanitäre Arbeit vor Ort. Zuletzt haben die Zentralen des Polnischen und Ukrainischen Roten Kreuzes in einem Appell an ihre Schwestergesellschaften darauf hingewiesen, dass keinerlei Kapazitäten zur Annahme nicht abgesprochener und nicht angeforderter Hilfslieferungen und Unterstützungsangebote bestehen.

Wie beurteilen Sie die Spendenbereitschaft?

Johnen: Es ist eine bisher schon beispiellose Spendenbereitschaft der Bevölkerung festzustellen. Dafür sind wir als Deutsches Rotes Kreuz sehr dankbar.

Erster großer Hilfskonvoi

Wie gelangen die Hilfstransporte ins Kriegsgebiet?

Johnen: Das Deutsche Rote Kreuz startete am 1. März seinen ersten großen Hilfstransport nach Polen zur Versorgung geflüchteter Menschen und zur Unterstützung der Bevölkerung in der Ukraine. Wir streben den Aufbau einer langfristigen Versorgungslinie nach Polen und in die Ukrai­ne hinein an, um auf den täglich größer werdenden humanitären Bedarf sowohl in der Ukraine als auch auf den Fluchtrouten, zum Beispiel über Polen, reagieren zu können.

Wie läuft die Verteilung der Spenden im Krisengebiet?

Johnen: Wichtigste Voraussetzung für jegliche geordnete humanitäre Hilfe in der Ukraine ist die Gewährleistung der Sicherheit für unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort – insbesondere der mehr als 3000 Freiwilligen des Ukrainischen Roten Kreuzes. Weiterhin benötigt das Rote Kreuz ungehinderten Zugang zu den Betroffenen. Erst wenn diese essenziellen Voraussetzungen gegeben sind, können wir eine stetige Versorgungslinie aufbauen.  Je nach Entwicklung der Kampfhandlungen und der Funktionsfähigkeit der In­frastruktur im Land, zum Beispiel auch der Straßen und Brücken, können wir den weiteren Transport planen. Genauso wichtig wie der Transport ist jedoch die sichere Verfügbarkeit der Hilfsinfrastruktur und der notwendigen personellen Kräfte zur bedarfsgerechten Verteilung der Hilfsgüter. Das Rote Kreuz als neutraler und unparteiischer humanitärer Akteur wird mit den Konfliktparteien über diese Voraussetzungen und Notwendigkeiten verhandeln und bei Zusicherungen, so schnell es geht, Hilfsgüter liefern und verteilen.

Video in Kooperation mit dem WDR:

„Herausfordernde und sehr gefährliche Situation“

Was leistet das Ukrainische Rote Kreuz aktuell im Kriegsgebiet?

Johnen: Unsere Schwestergesellschaft ist derzeit mit 3000 Ehrenamtlichen und 550 Mitarbeitenden im Land aktiv. Es leistet mit diesen Kräften trotz der Kampfhandlungen tagtäglich humanitäre Hilfe, evakuiert Menschen, trainiert die Bevölkerung in Erster Hilfe und verteilt Hilfsgüter.

Wie gefährlich ist es aktuell, privat mit einem Lastwagen voller Spenden ins Kriegsgebiet zu fahren?

Johnen: Angesichts der herausfordernden und sehr gefährlichen Situation raten wir dringend davon ab, sich in Eigeninitiative auf den Weg zu machen. Spontane, selbst organisierte Hilfe ohne die nötige Logistik- und In­frastruktur kann den Zugang zu den Betroffenen behindern, aber vor allem auch die Sicherheit der Beteiligten, einschließlich der professionellen Hilfskräfte, gefährden. Hier sind auch die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts unbedingt zu beachten.

Spendenkonten

- In der „Aktion Deutschland hilft“ bündeln Hilfsorganisationen wie die Arbeiterwohlfahrt, die Johanniter, der Arbeiter-Samariter-Bund und Malteser ihre Kräfte. www.aktion-deutschland-hilft.de IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30

- Im „Bündnis Entwicklung hilft“ haben sich die großen kirchlichen Organisationen wie „Brot für die Welt“ und „Misereor“ zusammengeschlossen. www.entwicklung-hilft.de IBAN: DE29 100 20 5000 100 20 5000

- Zum „Aktionsbündnis Katastrophenhilfe“ gehören Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie und Unicef. www.aktionsbuendnis-katastrophenhilfe.de IBAN: DE65 100 400 600 100 400 600

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