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Norbert Röttgen über die US-Wahl

„Sein Programm ist ein großes Nichts“

Münster

Sichtlich betroffen reagiert Norbert Röttgen auf die Wahl Donald Trumps. ­ „Es ist eine Zäsur“, räumt der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel ein.

Claudia Kramer-Santel

Norbert Röttgen ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag. Foto: Fabian Stratenschulte

Vor der Wahl sagten Sie: Die Welt wird anders aussehen, wenn Trump Präsident wird. Haben Sie an seinen Sieg geglaubt?

Röttgen: Nein, ich habe es nicht für möglich gehalten, dass die Mehrheit der Amerikaner sich für Trump entscheiden könnte. Die Welt sieht nach dieser Entscheidung wirklich anders aus.

Warum?

Röttgen: Weil wir einen US-Präsidenten bekommen werden, dessen Programm ein großes „Nichts“ ist. Es gibt zum ersten Mal einen Präsidenten, von dem wir überhaupt nicht wissen, wie seine Außenpolitik aussehen wird, dessen Wahlkampfsprache des Hasses und der Wut mich mit Sorge erfüllt und dessen Äußerungen, die Nato infrage zu stellen oder sich mit einem Autokraten wie Putin zu solidarisieren, dafür sorgen, dass Amerika und dessen Rolle in der Welt sich ändern wird.

Viele sagen ja: Das ist nur Wahlkampfgetöse, es wird alles gut werden.

Röttgen: Die Wähler hatten zwei Erwartungen an ihn – beide werden zu Ent­täuschungen führen. Die­jenigen, die sich wirtschaftlich alleingelassen fühlen, werden in ihm keine große Hilfe finden. Die zweite Erwartung, dass er gegen das Establishment ist und in ­Washington aufräumt, ist äußerst destruktiv. Wir wer den sehen, ob er dies einlösen kann und was das für Amerika und die Welt bedeutet.

Ist das eine historische ­Zäsur?

Röttgen: Es ist eine Zäsur für die US-Demokratie, und es wird die Rolle der USA, eine ordnende, liberale Kraft für die internationale Ordnung zu sein, infrage stellen und auch verändern.

Wie geht Berlin mit dieser Frage um?

Röttgen: Ich glaube, der Schock sitzt sehr tief – und das in ganz Deutschland. Das Einzige, was man machen kann, ist abwarten. Was wird Trump sagen? Auf welche Personen wird er setzen, ­beispielsweise als Außen­minister? Können wir dann vielleicht in seinem Stab Personen finden, die wir besser einordnen können?

Werden auch wichtige internationale Projekte infrage gestellt?

Röttgen: Ja, es ist in ­gewisser Weise alles infrage gestellt. Wie wird das Verhältnis zu den Staaten im Krisenherd Naher Osten sein, wie zu Russland: alles offen. Positiv gewendet: Es steht fest, dass auf uns ­Deutsche ein viel größeres Maß an internationaler Ver antwortung zukommen wird. Auch im eigenen Interesse.

Viele haben die Sorge, dass Trump einen Krieg be­ginnen könnte.

Röttgen: Donald Trump löst durch seinen Charakter – insbesondere durch seine Unbeherrschtheit – Ängste aus. Was das in der aktuell angespannten internationalen Lage bedeuten kann, ist einfach nicht absehbar.

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Nach dem Brexit-Votum haben zum zweiten Mal Umfragen danebengelegen. Viele Wähler Trumps offenbaren sich nicht. Kann man angesichts dieses ­gefährlichen Sachverhalts in Deutschland einfach so weitermachen?

Röttgen: Das wäre das ­Falscheste. Wir Europäer müssen das als dramatische Warnung verstehen. Es mag zwar in Amerika eine besonders große Dimension des Problems geben, da die Gesellschaft sehr tief gespalten ist. Aber es ist im Kern ein westliches Problem. Wir haben einen Rechts- und Linkspopulismus wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Wenn wir das nicht als Warnung aufnehmen und die Politik radikal verändern, dann wird dieses Phänomen weitergehen.

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