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Der neue Antisemitismus

Vorbehalte gegen Juden werden auch in Deutschland immer offener geäußert

Münster/Berlin

Die Juden in Deutschland sind in Sorge. Die jüngsten antisemitischen Proteste haben die Gemeinden verunsichert. In Münster diskutieren Vertreter der Juden derzeit mit der Polizei, ob das bestehende Sicherheitskonzept für die Synagoge noch ausreicht. In ganz Deutschland macht ein neuer Antisemitismus von sich reden.

Claudia Kramer-Santel und Elmar Ries

In Berlin wurde am 12. Dezember 2017 ein großer Chanukka-Leuchter errichtet. Das Chanukka-Fest erinnert an die Neueinweihung des Jerusalemer Tempels. Foto: dpa

Nach den antisemitischen Demonstrationen in mehreren Städten Europas fühlen sich immer mehr Juden verunsichert und bedroht. Sie fürchten ­ ei­ne weitere Zunahme der Judenfeindschaft, sagte Patrick Siegele, Direktor des ­Anne-Frank-Zentrums in Berlin, der den im Frühjahr er­schienenen Antisemitismus-Bericht der Bundesregierung koordiniert hat.

„Unser Bericht hat auch bestätigt, dass der israelbezogene Anti­semitismus hierzulande auf dem Vormarsch ist“, ­sagte er gegenüber unserer ­Zeitung. „Es gibt inzwischen eine permanente Grenz­überschreitung bei dem, was als legitime Kritik am Staate Israel verstanden wird.“ Verantwortlich dafür sei ein ­Erstarken des Rechtspopulismus und die hohe Zahl muslimischer Einwanderer.

Verunsicherung der Menschen spürbar

Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA hatte in der vergangenen Woche auch in Europa zu Protesten geführt, bei denen antisemitische Parolen skandiert wurden.

Nach Angaben des Zen­trums für An­tisemitismus­forschung an der TU Berlin „hegt jeder fünfte Deutsche Vorbehalte gegen Juden“, erklärte Mitarbeiterin Juliane Wetzel auf Anfrage.

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Die Verunsicherung der Menschen ist auch in der Region spürbar: In der jüdischen Gemeinde in Münster legen etliche Gemeinde­mitglieder inzwischen wert darauf, „außerhalb der Synagoge nicht als Juden erkannt zu werden“, sagte der Vor­sitzende Sharon Fehr. Der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte gestern schärfere Gesetze gegen an­ti­semitische Demonstrationen. Er sprach sich dafür aus, solche Proteste untersagen zu können.

In NRW ist die Zahl der antisemitischen Straftaten in den vergangenen Jahren gestiegen; von 216 im Jahr 2012 auf 297 im Jahr 2016. Das geht aus einer Kleinen Anfrage der Grünen hervor. In den ersten sechs Monaten 2017 verzeichnete die Polizei 122 Straftaten – vier davon im Münsterland. Dabei wurden zwei Tatverdächtige in Münster und Aachen festgenommen.

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