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Krieg gegen die Ukraine

Was hinter den neuen russischen Raketenangriffen steckt

Brüssel/Moskau/Berlin (dpa)

Mit Angriffen auf Energiebetriebe und andere wichtige Infrastruktur in der Ukraine sorgt Russland international für Entsetzen. Kann dieses Vorgehen die jüngsten Rückschläge wettmachen?

Von André Ballin, Carsten Hoffmann und Ansgar Haase, dpa

Feuerwehrleute sind an einer Einschlagstelle im Zentrum von Kiew im Einsatz. Foto: Roman Hrytsyna/AP/dpa

Erstmals seit Monaten attackiert Russland wieder massiv Ziele in der gesamten Ukraine. Die mit Marschflugkörpern und Drohnen ausgeführten Angriffe auf Städte wie Kiew lassen befürchten, dass der grausame Angriffskrieg von Wladimir Putin weit von einem Ende entfernt ist. Oder gibt es doch auch andere Szenarien? Fragen und Antworten im Überblick:

Was will Russland mit den Angriffen erreichen?

Zumindest für den Moment hat die russische Führung das Momentum in der öffentlichen Wahrnehmung damit gewendet. Die Raketenangriffe haben zu massiven Problemen bei der Energieversorgung der Ukraine geführt. In einigen Regionen ist der Strom komplett ausgefallen, was die Anfälligkeit der Ukraine zeigt. Gerade Moskaus Hardliner haben seit längerer Zeit eben solche Schläge gefordert. Sie versprechen sich davon sowohl abschreckende Wirkung als auch eine reale militärische Schwächung der Ukraine, weil auch die Kommunikation betroffen ist.

Womöglich setzt der Kreml angesichts des bevorstehenden Winters auch darauf, mit der Drohung weiterer Bombardements wieder in eine Position der Stärke am Verhandlungstisch zu kommen.

Dass die Angriffe als Reaktion auf den Anschlag gegen die für Russland strategisch wichtige Krim-Brücke geplant wurden, gilt unterdessen als unwahrscheinlich. «Wahrscheinlich hatten sie das vor geraumer Zeit geplant», sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates, John Kirby, dem Sender CNN. Allerdings sei es möglich, dass die Explosion auf der Krim-Brücke einige Planungen beschleunigt haben könnte.

Warum nicht schon viel früher?

Mit der Explosion auf der Krim-Brücke als Auslöser konnte Putin auch dem eigenen Publikum die Bombardierung ukrainischer Städte sehr plausibel machen. Nach dem Schlag gegen das russische Prestigeprojekt war eine harte Antwort aus Kremlsicht Pflicht. Vorher dürfte Moskau zudem tatsächlich die eigenen Raketen aufgespart haben. Es ist zwar nicht klar, wie viele der Marschflugkörper Russland noch zur Verfügung hat. Die lange Pause lässt aber vermuten, dass die Vorräte zur Neige gingen. Ein Indiz dafür ist auch, dass Russland jetzt bei den massiven Schlägen teilweise die weniger effizienten Luftabwehrraketen und Kampfdrohnen einsetzt, die das Land erst kürzlich im Iran gekauft hat.

Ein Grund könnte auch sein, dass Angriffe wie die der vergangenen Tage Russland auf internationaler Ebene weiter isolieren könnten. So zeigte sich Anfang der Woche selbst das bislang neutrale Indien «zutiefst besorgt» und rief zu einem sofortigen Ende der Kampfhandlungen auf.

Der neue Kommandeur Sergej Surowikin

Sicher eine wichtige. Er verkörpert gewissermaßen den neuen Stil der Kriegsführung. In Syrien hat er sich einen Namen gemacht durch eine sehr harte Kriegsführung ohne Rücksicht auf zivile Opfer. Sein Spitzname dort lautete «General Armageddon». Die Taktik des Flächenbombardements war erfolgreich gegen die Rebellen in Syrien, allerdings gab es dort praktisch keine Luftabwehr.

Wie werden die Entwicklungen im Westen gesehen?

Nato und EU haben die jüngsten Angriffe Russlands scharf verurteilt. Zum Teil werden sie sogar als Kriegsverbrechen beurteilt. Experten verweisen zudem darauf, dass das russische Vorgehen strategisch gefährlich sein könnte. «Die russischen Angriffe auf das ukrainische Energienetz werden den Kampfeswillen der Ukraine nicht beeinträchtigen, aber der Einsatz der beschränken Vorräte an Präzisionswaffen könnte Putin die Möglichkeit nehmen, die fortgesetzten ukrainischen Gegenoffensiven in Cherson und Luhansk zu stoppen», schreiben so zum Beispiel Mitarbeiter der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) in einer Lageanalyse. Dass Russland mindestens 80 seiner teuren und knappen Lenkflugkörper eingesetzt habe, wird in Deutschland bemerkt. Und dass der Einsatz von einer «neuen Sprache» begleitet worden sei, die um Rückhalt im Innern bemüht sei.

Wie geht es in dem Krieg jetzt weiter?

Nach Einschätzung von Nato-Militärs wird viel davon abhängen, ob der Westen der Ukraine weiter im großen Umfang Waffen und Munition liefert. Die jüngsten Offensiven der Ukrainer im Osten und Süden des Landes seien nicht nur mit hohen menschlichen Verlusten, sondern auch mit einem sehr hohen Munitionsverbrauch verbunden, heißt es. Wichtig ist demnach zudem, die Ukraine mit zusätzlichen Flugabwehrsystemen auszurüsten. Dies könnte verhindern, dass Russland seine der Ukraine deutlich überlegene Luftwaffe effizient einsetzen kann. Als wahrscheinlich gilt, dass beide Seiten versuchen werden, noch vor dem Winter weiter Geländegewinne zu erzielen, weil dann tiefer Matsch Operationen im freien Gelände verhindern oder unmöglich machen könnte. Auf russischer Seite wird nach Ansicht von Nato-Militärs viel davon abhängen, inwieweit die Teilmobilmachung von Reservisten Erfolg hat und die zusätzlichen Kräfte in die Truppen eingebunden werden können.

Kann die Ukraine auf neue Waffenlieferungen hoffen?

Die USA haben dem Land nach den massiven russischen Luftangriffen weitere moderne Flugabwehrsysteme zugesagt. Aus Deutschland steht eine schon zugesagte Übergabe eines ersten Systems der Luftverteidigungswaffe Iris-T nach Informationen der dpa unmittelbar bevor. Ein System kann jeweils die Fläche einer mittleren Großstadt sichern. Wie schnell drei weitere Iris-T-Systeme übergeben werden, hängt unter anderem von Ägypten ab, das auf eine vereinbarte Lieferung verzichten könnte. Wenig Bewegung gab es zuletzt in der Frage einer Lieferung westlicher Kampfpanzer für die Rückeroberung ukrainischen Staatsgebietes. Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann forderte, es müsse «ernsthaft über das Angebot Spaniens gesprochen werden, ukrainische Soldaten am Kampfpanzer Leopard in Lettland auszubilden». Deutschland dürfe dem nicht im Wege stehen.

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