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Deutschland und die Terror-Angst

Wie der Terror das Klima in Deutschland geändert hat

Münster/Jerusalem

Seit den Terror-Attentaten im Sommer geht in Deutschland die Angst um. Das hat auch Arye Shalicar, Pressesprecher der israelischen Armee, gespürt, der gerade von einer Reise in die alte Heimat zurückgekommen ist. Seine interessanten Gedanken zu dem Thema:

Claudia Kramer-Santel

Arye Shalicar Foto: Gadi Yampel

Seit den Attentaten im Sommer geht in Deutschland die Angst um. Das hat auch Arye Shalicar, Pressesprecher der israelischen Armee, gespürt, der gerade von einer Reise in die alte Heimat zurückgekommen ist. Was die Deutschen im Umgang mit Terror von Israel lernen können, wird er nun oft gefragt, berichtet er im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel. Beide Länder lernen seit Jahren voneinander: Deutschland und Israel arbeiten eng in einer Sicherheitspartnerschaft zusammen.

Mal ehrlich: Hat sich nach den Anschlägen das Klima in Deutschland geändert? Sind wir ängstlicher?

Shalicar: Auf jeden Fall. Ich wurde bei meinem aktuellen Besuch in Deutschland fast immer darauf angesprochen. Jeder hatte dazu etwas zu sagen oder befragte mich.

Machen wir hierzulande genug gegen den Terror?

Shalicar: Ja. Nach meiner Kenntnis arbeiten die deutschen Sicherheitsbehörden sehr gut. Trotzdem kann man nicht zu 100 Prozent gewappnet sein. Auch in Israel gelingt dies ja nicht. Wir hatten 2015 Dutzende Attentate mit Messern, Autos etc., aktuell Raketenbeschuss von Gaza und aus Syrien. Deutschland tut bereits sehr viel, drückt aber – zum Glück – nicht so auf die Tube wie Israel. Die Freiheit ist Gold wert, es ist schön, nicht überall aufgehalten zu werden. Aber wenn es in Zukunft zu neuen Zwischenfällen kommen sollte, wird das anders. Da es noch viele Dschihadisten gibt, kann es gut sein, dass man in Deutschland weiter umdenkt und eine neue Ära beginnt.

Nach Terrorattacken geht man in Israel schnell zur Tagesordnung über. Soll das den Terroristen zeigen, dass sie den Lebensstil nicht verändern können?

Shalicar: In der Tat. Man ist in Israel nach Anschlägen zwei bis drei Stunden geschockt, die Nachrichten berichten pausenlos. Dann setzt man sich nach draußen in die Cafés, um zu zeigen: so nicht. Die Menschen haben sich aber auch an den Terror gewöhnt – leider. Man weiß, es kann überall passieren und ist besser vorbereitet als in Deutschland. Israel hatte allein im vergangenen Oktober 80 Attentate, hier waren es drei in Bayern.

Was wäre Ihr Rat?

Shalicar: Die Freiheit weiter zu genießen, nicht panisch und hysterisch zu sein, dem Staat zu vertrauen. Man hat es in Deutschland sehr, sehr gut. Gleichzeitig sollte man sehr wachsam sein.

Ist das Verständnis für Israel in Europa im Zuge der aktuellen Terrorlage gewachsen?

Shalicar: Einige Menschen haben besonders zu Israel starke Meinungen, ei­nen ganz tiefliegenden Hass, die erreicht man nicht. Die breite Mitte hat Verständnis, es gibt wirklich derzeit viele schöne Gespräche. Die Sicherheitsbehörden beider Staaten arbeiten übrigens schon lange intensiv zusammen. Das ist keine einseitige Sache: Auch Israel lernt dabei von Deutschland.

Wie haben Sie die Messerattacken in Israel in den Griff bekommen?

Shalicar: Polizei und Armee haben mehr überwacht. Das einzige Ergebnis der Attentate war dann oft, dass die Täter ihr Leben ließen. Das ist dann eine Warnung: Es bringt nichts. Dann benötigt man den Geheimdienst, der schaut: Woher kommen die Täter? Planen sie etwas Neues? Wir sprechen auch mit den Familien von Verdächtigen, versuchen in Kontakt zu kommen. Wenn das nicht wirkt, hilft leider nur Härte.

Messerattacken sind ja auch in Deutschland passiert. Brauche wir individuell mehr Schulungen in Selbstverteidigung?

Shalicar: In Israel ist der Konflikt nicht irgendwo am Hindukusch, sondern ein paar Kilometer weiter an der Grenze. Jeder hat einen militärischen Pflichtdienst gemacht und dabei in jungen Jahren etwas erlebt. Angriffe sind trauriger Alltag. Der Durchschnittsisraeli ist sehr stark darauf getrimmt, Bedrohungen zu erkennen. Er reagiert darauf aber nicht passiv und verfällt in Schockstarre. Er macht irgendetwas, wird laut, bewegt sich. Das ist nicht nur eine Frage von Selbstverteidigungstechniken. Das ist einfach eine fest im Kopf verankerte Haltung, nicht zum Opfer zu werden.

Arye Shalicar

Der 39-jährige Politikwissenschaftler Arye Shalicar ist Sohn iranischer Juden, die vor dem Antisemitismus im Iran nach Deutschland geflohen waren. Nach dem Umzug nach Berlin-Wedding wurde er auf dem Gymnasium zwischen muslimischen Jugendlichen plötzlich zur Zielscheibe des Hasses. Er zog schließlich nach Israel, wo er schnell Karriere machte und später Sprecher der israelischen Armee mit Zuständigkeit für Europa wurde. Es spricht bei dieser bewegten Geschichte Bände, dass er seine Autobiografie bereits vor Jahren verfasst hat. Der Titel: „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude: Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde.“

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