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Mahsa Amini

Wie eine Iranerin zum Freiheitssymbol wurde

Teheran (dpa)

Auch einen Monat nach dem Tod der iranischen Kurdin Mahsa Amini reißen die landesweiten Proteste nicht ab. Trotz massiver Gewalt gegen die Proteste schöpfen junge Menschen neue Hoffnung.

Von den dpa-Korrespondenten

Bei einem Protest in Berlin hält ein Mann ein Bild der verstorbenen Mahsa Amini in Händen. Foto: Paul Zinken/dpa

Als die junge iranische Kurdin Mahsa Amini vor einem Monat in einem Krankenhaus in Teheran um ihr Leben ringt, geht ein Foto um die Welt. Angeschlossen an einen Beatmungsschlauch liegt die 22-Jährige mit ihren schwarzen lockigen Haaren auf der Intensivstation. «Und dann war sie tot», erinnert sich die Medizinstudentin Mahnas an einem Herbsttag an Amini, die wie keine andere Iranerin zum Symbol der landesweiten Proteste geworden ist.

«Das was Mahsa passiert ist, kann uns allen jungen Frauen hier passieren», erzählt die Studentin Mahnas in der Hauptstadt. Wie Tausende andere Frauen geht sie in den letzten Wochen immer wieder auf die Straßen, nicht nur aus Protest gegen islamische Kleidervorschriften. «Es geht hier um unser Leben». Wenn die 23-Jährige an die Proteste denkt, macht sich auch Wut breit. «Wir waren ja eigentlich ganz friedlich, sind es auch weiterhin. Aber wenn sie uns zusammenschlagen, dann schlagen wir zurück.»

Was geschah nach Aminis Tod?

Seit vier Wochen reißen die Proteste im Land nicht ab. Sie haben sich nach dem Tod der jungen Mahsa Amini am 16. September wie ein Lauffeuer im gesamten Land ausgebreitet. Die 22-Jährige war vor einem Monat wegen eines schlecht sitzenden Kopftuchs von der Moralpolizei festgenommen worden. Doch was geschah danach?

In einem offiziellen Bericht sprechen die Behörden von einer Vorerkrankung, deshalb soll sie in einer Polizeistation zusammengebrochen und ins Koma gefallen sein. Doch an der staatlichen Version gibt es erhebliche Zweifel.

Der Vorwurf der Kritiker: Tod nach Polizeigewalt. Ihre Familie, die seitdem unter Druck gesetzt wird, bestritt früh gesundheitliche Probleme ihrer Tochter. Nur einen Tag nach ihrem Tod wurde Mahsa Amini in ihrer Heimatstadt in der iranischen Provinz Kurdistan beerdigt, offensichtlich ohne Autopsie.

Richteten sich die Proteste zu Beginn aus Bestürzung oder Trauer noch gegen die islamischen Vorschriften, sind die Demonstrationen längst zu einem Belastungstest für das gesamte Herrschaftssystem der Islamischen Republik geworden. Damit immer weniger Informationen nach außen dringen und die protestierenden Menschen sich nicht untereinander verständigen können, schränkt die iranische Führung die Nutzung des Internets ein.

Expertin: Proteste erreichen mehrere Gesellschaftschichten

«Ich sehe die Proteste schon in dem größeren Kontext eines inneriranischen Kulturkampfes, der tatsächlich so alt ist wie die Islamische Republik selbst», sagte die Iran-Expertin Azadeh Zamirirad in einem Podcast der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sie sieht in den Protesten, die inzwischen mehrere gesellschaftliche Schichten erreicht haben, eine neue Dynamik. Sie reihten sich jedoch auch in den jüngeren Unmut im Land ein. «Wir erleben eine Protestwelle nach der anderen, und es gibt genügend Unmut, genügend Wut, genügend Frustration im Land, um die Menschen auf die Straße zu bringen.»

Wie bereits in der Vergangenheit hat der Staatsapparat brutal auf die Proteste reagiert und sowohl Sicherheitskräfte als auch Milizen mobilisiert, um die Demonstrationen zu stoppen. Mehr als 200 Menschen sollen bereits nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen getötet worden sein. Tausende seien verletzt oder auch verhaftet worden. Und auch auf der Seite von Polizei und Staatsmacht habe es Opfer gegeben, nachdem sich die Demonstranten immer verzweifelter gegen den harten Kurs der Regierung entgegen stellten.

«Wir haben etwas angefangen, und es gibt in der Tat kein Zurück mehr», sagt Omid, ebenfalls Medizinstudent in Teheran. Wie seine Freundin Mahnas blickt er entschlossen in die Zukunft. «Wenn wir jetzt aufhören, dann ist das Blut von Mahsa umsonst geflossen. Wenn wir jetzt aufhören, dann müssen wir weiter mit Hoffnungslosigkeit leben.»

Auch systeminterne Kritik

Hoffnungslosigkeit, das sei der größte Feind einer jeden Regierung, sagt ein Universitätsprofessor in Teheran. «Dann hat man vor nichts mehr Angst», sagt der Akademiker am Telefon. «Es gibt nun mal keine dunklere Farbe als schwarz.» Ging es zu Beginn noch um Kritik am Kopftuchzwang oder der anhaltenden Wirtschaftskrise, haben die Proteste seiner Einschätzung nach eine völlig neue Dimension erreicht. «Es geht um das Recht auf ein normales Leben mit den in der ganzen Welt anerkannten Kriterien», so der Experte. Auch deshalb sei der Slogan der Proteste: «Frauen, Leben, Freiheit».

Die Staatsführung reagiert auf die landesweiten Proteste mit einer Rhetorik aus vergangenen Zeiten. Für Außenminister Hussein Amirabdollahian werden sie wieder von «ausländischen Feinden» des Landes gesteuert. «Unruhen, Brandstiftungen und Terroroperationen haben nichts mehr mit friedlichen Protesten zu tun», sagt er zu den Protesten. Und aus seiner Sicht genießt die Führung des Landes die Unterstützung des Volkes. Der Iran sei «kein Land der Staatsstreiche, sondern ein Anker der Stabilität und Sicherheit.»

Doch auch Anhänger des Systems äußern Kritik und bemühen sich um versöhnliche Töne. Irans Justizchef etwa schlug erstmals einen Dialog mit Gegnern der islamischen Führung vor - ruderte einige Tage später jedoch auch wieder zurück und forderte «kein Erbarmen» für Unruhestifter.

Während Experten längst einen gesellschaftlichen Umbruch ausmachen, bleiben die politischen Folgen ungewiss. «Für viele derjenigen, die auch heute auf die Straße gehen, auch gerade aus der älteren Generation, bestand das Ziel eben klar in einer demokratischen Transformation dieses Staates», sagt etwa Zamirirad. Doch Revolutionen seien ein langer Prozess. Der Professor in Teheran sieht das ähnlich: «Das Problem jedoch ist für beide Seiten, dass diese Proteste immer mehr Momentum finden, aber kein Ende und somit auch zu keinen Ergebnissen führen.» Ihnen fehle auch eine klare Führung.

Der 25 Jahre alte Omid wünscht sich, dass die Staatsführung Fehler eingestehen würde. Niemand glaube ihre Lügen, sagt er. «Sie sind bewaffnet, aber wir sind in der Überzahl.»

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