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Ein Mann gibt nicht auf

Wolfgang Bosbach hört am 22. September als Chef des Innenausschusses auf und zieht in Münster Bilanz

Münster

Wolfgang Bosbach steht da, fast trotzig, mit hocherhobenem Kopf und einer weit geöffneten linken Hand: „Dann gebe ich lieber mein Amt auf als meine Überzeugung“, erklärt er und erntet viel Applaus. Es sind geradlinige Sätze wie diese, für die ihn seine Anhänger bewundern. Der streitbare CDU-Politiker und wohl prominenteste Gegner der Griechenland-Hilfe steht trotz massiver Kritik aus den eigenen Reihen zu seinem Nein zum dritten Griechenland-Hilfspaket.

Claudia Kramer-Santel

Kämpferisch wie immer: Wolfgang Bosbach sprach gestern in Münster vor Unternehmern. Foto: Jürgen Peperhowe

Vor dem Verband Münsterländischer Metallindus­trieller zelebrierte er gestern Abend seine Argumente voller Inbrunst. „Ich bin äußerst skeptisch, dass die Griechenland-Maßnahmen ökonomischen Erfolg haben.“ Man hinterlasse der jungen Generation in Deutschland gewaltige Haftungsrisiken. Auch könne man eine Krise, die durch Verschuldung entstanden ist, nicht durch neue Schulden lösen. Griechenland fehle die Wirtschaftskraft, die Effizienz und die Verwaltung, daran änderten auch Kredite nichts.

Münster ist ein Heimspiel für Bosbach. „Hier im Raum stimmt ihm fast jeder zu, und viele Volkswirtschaftler von der Universität wohl auch“, erklärt ein Insider vor Bosbachs Rede. Diese hatte aber auch den Charakter einer politischen Abschiedsbilanz. Nur noch drei Wochen, bis zum 22. September, ist Bosbach Chef des Innenausschusses im Bundestag, ein Amt, das er mit Konsequenz ausgefüllt hat und das ihm das Image des Rebellen in der Union einbrachte. Als Nachfolger wird Ansgar Heveling (CDU) aus Mönchengladbach gehandelt.

Konservativer Rebell? Das klingt nach verbittertem, destruktivem Gepoltere. Der Mann aus Bergisch Gladbach ist aber alles andere als unsympathisch. Das liegt zum Teil an seinem rheinischen Singsang, der auch der stärksten Kritik Leichtigkeit verleiht. Es liegt auch daran, dass er freundlich herüberkommt. Seine Kollegen waren ernsthaft traurig, dass er sich zu einem „halben Rückzug“ entschied, verrät er in einem nachdenklichen Gespräch mit unserer Zeitung. Er berichtet von tränenreichen Reaktionen seines Mitarbeiterstabs, die ihm nahegegangen sind. „Man muss das ganze Amt auch mit etwas Gefühl machen. Mal ein paar Kuchenstücke ausgeben, mit den Leuten reden.“

Doch leise sein? Das wird Bosbach, der seit Jahren mit einem schweren Krebsleiden kämpft, nicht gerecht. Er ist das personifizierte Sich-Aufbäumen. „Ich muss nun wirklich Tempo rausnehmen“, sagt er im Hinblick auch auf seinen ernsten Gesundheitszustand. Einige Talkshows habe er abgesagt.

Doch auch als einfacher Abgeordneter will er weiter gegen ihm unvernünftig erscheinende Politikinhalte kämpfen. Längst ist das Thema Griechenland vom Thema Flüchtlinge abgelöst worden. „Das ist die größte Herausforderung, die wir haben. Glauben Sie mir!“, redet er den Metallindustriellen ins Gewissen. Auch hier nervt ihn die fehlende europäische Solidarität. „Viele Länder nehmen gerne Fördermittel der EU, wollen aber keine Flüchtlinge aufnehmen.“ Man müsse ehrlich sein, aufklären. Dass die Zahlen zurückgehen werden, damit sei vorerst nicht zu rechnen. Bosbach muss direkt nach der Rede zurück nach Berlin. Mittwochmorgen tagt der Innenausschuss in einer Sondersitzung zum Thema Flüchtlinge ...

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