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Reisen fast wie zu Großvaters Zeiten

Törn in die Vergangenheit: Mit dem Frachtschiff übers weite Meer

Am Kai fällt ihnen plötzlich alles wieder ein. Im Angesicht der Gangway, die aufs Containerschiff MS Charlotta führt. Lars Kersten und Uwe Jacob sind in den Achtzigern selbst zur See gefahren. Längst sind sie sesshaft, haben festgemacht im Heimathafen mit Frau und Kind. Doch heute stechen sie noch einmal in See. „Ihr redet so viel davon“, haben ihre Frauen gesagt und den beiden zum 50. Geburtstag eine Frachtschiff-Reise geschenkt. Fünf Tage Erinnerungen – für Lars Kersten und Uwe Jacob ein Törn in die Vergangenheit.

Gunnar A. Pier

Land in Sicht:In der Kieler Förde ist die Küste von Schleswig-Holstein noch zu sehen. In den nächsten Tagen: nur Wasser, Himmel – und die Container. Foto: Gunnar A. Pier

Als Passagier an Bord eines Schiffs: Einst war das der übliche Weg, um in ferne Länder zu reisen. Doch der Steigflug des Luftverkehrs brachte den Untergang der Frachtschiff-Reisen: Wer nach New York will, steigt lieber für 7:45 Stunden in einen Jet als für zehn Tage aufs schaukelnde Schiff. Doch inzwischen sind Frachtschiff-Reisen wieder heiß begehrt. Es ist der etwas andere Urlaub. Also werden Containerschiffe heute meistens mit Passagierkabinen gebaut, und spezialisierte Agenturen vermitteln die rustikalen Törns. Seemanns-Romantik inklusive.

Samstagnachmittag, Hamburger Hafen.

Am imposanten Burchardkai, den Autofahrer von der Autobahn kurz vor dem Elbtunnel auf der linken Seite gut sehen können, liegt die MS Charlotta. 168 Meter lang, fast 27 Meter breit, sieben Stockwerke hoch. Charlotta bietet Platz für 1421 Container, 14 Mann Besatzung – und eine Handvoll Passagiere. Die werden freundlich begrüßt und in ihre Zimmer, pardon: „Kammern“ geführt. In Hamburg wird Ladung gelöscht, neue Container schweben im Minutentakt an Bord. Die Gäste dürfen zuschauen – mit Warnweste und Helm.

Um sechs Uhr morgens sticht der Dampfer in See. Die Maschinen dröhnen los, die Freizeit-Matrosen schrecken hoch. Doch der Maschinenlärm wird schnell zum sonoren, geradezu einschläfernden Brummen. Und als sie erneut aufwachen, ist Hamburg längst außer Sichtweite, MS Charlotta gleitet über die Elbe Richtung Nordsee.

Wohin die Reise geht, haben die Passagiere erst an Bord erfahren

Frachtschiff-Reisende buchen oft kaum mehr als ein Schiff, ein ungefähres Datum und ein grobes Zielgebiet, das gerne auch Südamerika oder China heißen kann. Die Ladung gibt letztlich die genauen Stationen vor.

MS Charlotta fährt wöchentlich in Hamburg los und steuert unterschiedliche Häfen rund um die Ostsee an. Mal Finnland, mal das Baltikum, manchmal Polen. Der Törn ist also nur ratsam für Neugierige, für die der Weg das Ziel und die Endstation fast egal ist.

Diesmal geht’s erst nach Bremerhaven, dann weiter über die Ostsee in die polnische Hafenstadt Danzig. Lars Kersten und Uwe Jacob sind früher schon dort gewesen. Kersten als Maschinist, Jacob als Elektriker an Bord großer Frachtschiffe. „Wir wollten etwas von der großen, weiten Welt sehen“, sagt Lars Kersten. Beide wuchsen in der DDR auf und hatten kaum eine andere Chance, mal rauszukommen. Trotzdem quittierten sie schon kurz vor dem Mauerfall Ende der 80er den Dienst – wegen der Familien. „Gut so“, finden sie heute. Doch die Faszination der Seefahrt hat sie nie losgelassen.

Lars Kersten und Uwe Jacob Foto: Gunnar A. Pier

Zwischen Heim- und Fernweh

Robert Suminski ist den Meeren treuer. Seit zwölf Jahren fährt er zur See, heute ist er Kapitän auf der Brücke der MS Charlotta in der siebten Etage, die an Bord „F-Deck“ heißt. „Unser Nachbar war Kapitän und brachte ständig Souvenirs aus aller Welt mit. Da wusste ich: Das ist mein Job“, erzählt er den Passagieren, die ihn jederzeit an seinem Arbeitsplatz besuchen dürfen. Vier Monate am Stück ist er an Bord, dann hat er zwei Monate frei. „Das Schlimmste an diesem Beruf ist, so lange weg zu sein“, gibt der Familienvater zu.

Dabei hat er noch Glück: Er wohnt nahe Danzig, und wenn sein Dampfer dort anlegt, reicht die Zeit oft für eine Stippvisite zu Hause. Doch der Weg dorthin ist lang, wenn ein Schiff maximal 19 Knoten, also 35 Kilometer in der Stunde, schafft. Egal für die Passagiere, für die der Weg das Ziel ist.

Das Schiff verfolgen

Über den Schiffsradar kann man verfolgen, wo sich die MS Charlotta gerade befindet.

Von der „Nock“, den äußeren Spitzen der Brücke, genießen sie den weiten Blick übers platte Land, als das Containerschiff durch den Nord-Ostsee-Kanal gleitet. Gespannt verfolgen sie das Treiben rund um die Schleuse in Kiel und freuen sich über die scheinbar endlose Weite, als MS Charlotta auf der Ostsee unterwegs ist. Weit und breit kein Land in Sicht: So sieht die sagenumwobene große Freiheit selbst auf der Ostsee aus, die auf dem Globus so mickrig erscheint.

Im Hafen von Gdynia (Gdingen) an der Danziger Bucht Foto: Gunnar A. Pier

An Bord dürfen sich die Passagiere frei bewegen

Sie können auf dem Achterdeck ganz hinten die Sonne genießen, von der Brücke den Kapitänsblick kennenlernen und sich am Bug den Wind um die Nase wehen lassen. Zumindest auf der Charlotta prägen durchweg freundliche Begegnungen den Tag. Decksjungen von den Philippinen, Offiziere aus Russland, der Käpt’n aus Polen – alle berichten bereitwillig über ihr Leben zwischen Fernweh und Heimweh.

Höhepunkt für Lars Kersten und Uwe Jacob: ein Besuch im Maschinenraum bei Chief Engineer Igor Shysh aus Odessa in der Ukraine. So werden die Tage nicht lang, obwohl manchmal nichts anderes zu sehen ist als Wasser, Wolken, Weite. Im Danziger Hafen legt das Schiff für 20 Stunden an. Alle Container werden abgeladen, neue an Bord gewuchtet. Zeit, die Stadt zu erkunden. Um kurz nach 21 Uhr kommen Lars Kersten und Uwe Jacob zurück und klettern über die Gangway zurück an Deck. Pünktlich zum Ablegen. Wie damals.

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