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Milliarden-Markt

Firma aus Münster baut bundesweites Zahnarzt-Netzwerk auf

Münster/Düsseldorf

Einige Berufe sind absolute Vertrauenssache: Friseure etwa. Zahnärzte besonders. Doch genau die befürchten jetzt, dass dieses Vertrauensverhältnis Risse bekommen könnte. Grund dafür ist eine bundesweit agierende Firma aus Münster, deren Geschäftsführer in der Stadt beileibe kein Unbekannter ist.

Hilmar Riemenschneider

Ausländische Firmen wollen auch in Deutschland ein Netzwerk von Zahnarztpraxen aufbauen. Politik und Berufsverbände sehen dieses Engagement kritisch.
Ausländische Firmen wollen auch in Deutschland ein Netzwerk von Zahnarztpraxen aufbauen. Politik und Berufsverbände sehen dieses Engagement kritisch. Foto: dpa-tmn

„Wir stehen an einer Zeitenwende“, spitzen die Vorstandschefs der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, Holger Seib und Michael Evelt, es dramatisch zu. Das enge Arzt-Patienten-Verhältnis werde in Frage gestellt, wenn künftig Investoren im ganzen Land Zahnarztpraxen aufkaufen und die Behandlung damit deren Gewinninteressen unterliege. In einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnen sie vor der Verdrängung bestehender Praxen durch kommerzielle Medizinische Versorgungszentren.

„Jacobs Krone“ in 220 Praxen

Auslöser des Brandbriefes ist die Firma Colosseum Dental Deutschland, die seit Jahresbeginn von Münster aus versucht, bundesweit große Zahnarztpraxen aufzukaufen und daraus ein großes Netzwerk zu schaffen. Hinter Colosseum Dental steht die Schweizer Colosseum AG, die wiederum wiederum zur aus dem Bremer Kaffee-Imperium hervorgegangenen Jacobs Holding AG gehört. „Jacobs Krone“ statt „Jacobs Krönung“: In sieben europäischen Staaten hat das Unternehmen bereits mehr als 220 Praxen mit rund 400 Millionen Euro Jahresumsatz übernommen. In Süddeutschland stehen die ersten Übernahmen von Zahnarztpraxen kurz vor Vertragsunterzeichnung, wie Colosseum-Geschäftsführer Thomas Bäumer gegenüber dieser Zeitung betonte.

Preußen-Connection

Der 54-Jährige war mit dem Personaldienstleister Tuja lange Hauptsponsor und Aufsichtsratschef des Drittligisten SC Preußen Münster. Als Tuja mit dem Zeitarbeitsunternehmen Adecco zusammenging, kam er mit der Familie Jacobs in Kontakt, die an Adecco Anteile hält. Bäumer hat sich unter anderem Ex-SCP-Sportvorstand Carsten Gockel an Bord geholt, um in den kommenden Monaten ein vorzeigbares Praxisnetzwerk zu schaffen. Es geht um einen veritablen Markt: Allein in Deutschland würden im Dentalbereich jährlich rund 28 Milliarden Euro umgesetzt, bis zu 78 Milliarden seien es europaweit.

Bäumer rollt verbal den Werbeprospekt aus: Die Patienten profitierten mit günstigerer Zuzahlung. Die Zahnärzte, weil gerade Jüngere die Festanstellung der hohen Belastung einer eigenen Praxis vorzögen. Und die Jacobs Holding AG, die aber anders als andere Finanzinvestoren alle Gewinne an die sozial operierende Jacobs Foundation abführe.

Kassenzahnärzte beunruhigt

Die Kassenzahnärzte beruhigt das überhaupt nicht, zumal sich andere Investoren längst erste Praxen auch in Westfalen-Lippe gesichert haben. So entstehende MVZ drängten aber die selbstständig arbeitenden Zahnärzte vom Markt, warnten die beiden Vorstandschefs in ihrem Brandbrief. „Nicht eine Verbesserung der zahnärztlichen Versorgung ist das Ziel der Investoren, sondern maximaler Profit.“ Patienten würden zur Einnahmequelle. Spahn müsse das bremsen, „bevor es zu spät ist“.

Die Investoren verursachten eine regionale Unwucht, warnte der frühere Vizechef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Günther Buchholz: „Die Investoren siedeln die Versorgungszentren in den Speckgürteln der Städte an, wo es aber keinen zusätzlichen Bedarf gibt.“ Dadurch fehlten Zahnärzte in ländlichen Regionen.

Laumann sieht Pläne kritisch

Seit 2012 dürfen Medizinische Versorgungszentren nur noch von zugelassenen Ärzten, Zahnärzten, Kliniken oder Kommunen gegründet werden. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bekräftigte gegenüber dieser Zeitung das Ziel, „der Gefahr der Übernahme durch Konzerne zu begegnen, weil dies Gefahren für die Unabhängigkeit medizinischer Entscheidungen zugunsten von Kapitalinteressen birgt“. Wenn Konzerne nun über den Kauf von Krankenhäusern und Praxen Umgehungsstrategien einsetzten, „ist dies aus meiner Sicht äußerst kritisch zu bewerten und muss verhindert werden.“ Mit Kassenärzten und ­Kassenzahnärzten will Laumann aufarbeiten, wo Änderungsbedarf besteht. Aufgreifen müsse den indes der Bund.

- hir -

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