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Versicherungen

Inflation und Klima: Rückversicherer wollen mehr Geld

Monte Carlo (dpa)

Die Inflation macht auch vor den Versicherern nicht halt. Hinzu kommen die Schäden des Klimawandels und der Ukraine-Krieg. Die Versicherungsnehmer müssen mit kräftig steigende Prämien rechnen.

Von dpa

Der Hauptsitz der Hannover Rück. Foto: Holger Hollemann/dpa

Angesichts vermehrter Naturkatastrophen und der hohen Inflation wollen die weltgrößten Rückversicherer die Preise kräftig erhöhen. Auch die Kunden von Erstversicherern wie Allianz und Axa müssten ab 2023 wohl tiefer in die Tasche greifen, kündigte der weltweit drittgrößte Rückversicherer Hannover Rück am Montag beim Branchentreffen in Monte Carlo an. Laut Vorstandsmitglied Michael Pickel müssen die Prämien in Deutschland in der Kfz-Versicherung und der privaten Wohngebäudeversicherung deutlich steigen, um die teureren Schäden zu decken.

Als Grund nannte Pickel gestiegene Kosten für Autoersatzteile und -reparaturen. Allein hier lägen die Preissteigerungen bei etwa zehn Prozent. Bei Immobilien seien Baukosten und Werte um etwa 15 Prozent nach oben gesprungen. Dazu will die Hannover Rück Aufschläge für gestiegene Risiken - etwa infolge zunehmender Naturkatastrophen infolge des Klimawandels.

Im sogenannten proportionalen Geschäft nehmen Rückversicherer von Erstversicherern einen Teil der Risiken aus deren Kundenverträgen ab und bekommen dafür einen Teil der Prämien. In anderen Verträgen springen sie etwa bei Naturkatastrophen erst ab einer bestimmten Gesamtsumme für Schäden ein.

Konditionen werden ausgelotet

Nach zwei Jahren Unterbrechung wegen der Corona-Pandemie treffen sich Vertreter der Rückversicherungsbranche seit dem Wochenende wieder im Fürstentum Monaco an der Cote d'Azur mit Kunden und Maklern. Beim «Rendez-vous de Septembre» loten sie noch bis Mittwoch die Konditionen für die Vertragserneuerung im Schaden- und Unfallgeschäft zum bevorstehenden Jahreswechsel aus.

Weltmarktführer Munich Re hatte bereits am Sonntag einen deutlichen Prämienanstieg gefordert, um den erwarteten Anstieg der Schadensummen auszugleichen. Der Branchenzweite Swiss Re schloss sich der Forderung an.

Die Ratingagentur Moody's erwartet, dass sich die Anbieter damit diesmal durchsetzen. «Erstversicherer akzeptieren vermehrt, dass sie für Rückversicherungsschutz mehr bezahlen müssen», sagte Moody's-Analystin Helena Kingsley-Tomkins in Monte Carlo der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Vor einem Jahr habe nur einer von 40 Erstversicherern angegeben, dass er mit einem Preisanstieg in der Schaden-Rückversicherung rechne, sagte ihr Kollege Marc Pinto. «Diesmal erwarten 40 Prozent der Befragten sogar eine Erhöhung um mehr als 7,5 Prozent.»

Immer höhere Belastungen

Hannover-Rück-Chef Jean-Jacques Henchoz verwies auf den starken Anstieg der Inflation in vielen Ländern. Zusammen mit dem Krieg in der Ukraine und der nach wie vor nicht besiegten Corona-Pandemie führe diese zu immer höheren Belastungen für Erst- und Rückversicherer. Weitere Preiserhöhungen im Rückversicherungsgeschäft seien daher unvermeidbar.

Die Versicherungsschäden infolge von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine dürfte nach Einschätzung der Swiss Re und der Ratingagentur Fitch bei etwa 10 Milliarden US-Dollar (9,9 Mrd Euro) liegen. Dies entspreche etwa einer mittelgroßen Naturkatastrophe, sagte Fitch-Analyst Harish Gohil. Direkte Kriegsrisiken sind in der Regel nicht versichert.

Die tatsächliche Summe hängt vor allem von Gerichtsurteilen zu mehreren hundert Flugzeugen ab, die ausländische Flugzeugfinanzierer an russische Airlines verleast hatten - und nicht mehr zurückbekommen. Fitch hatte den allein dadurch drohenden Schaden im März auf bis zu 10 Milliarden Dollar geschätzt. In der jüngsten Gesamtschätzung sei davon etwa die Hälfte enthalten, sagte Gohill. Nach Ansicht von Hannover-Rück-Vorstand Sven Althoff bestand für die Flugzeuge nach der Kündigung der Verträge kein Versicherungsschutz mehr.

Dass Rückversicherungsschutz demnächst wohl generell teurer wird, liegt auch an einem geschrumpften Angebot. So war das Kapital der Rückversicherer wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und der gestiegenen Zinsen zuletzt gesunken. Mit weniger Kapital können die Unternehmen weniger Risiken schultern als vorher.

«Die Branche ist nicht knapp an Kapital»

Die Kapazität für Naturkatastrophendeckungen in Florida sei bereits knapp, hieß es in Monte Carlo. Der US-Bundesstaat wird immer wieder von Hurrikanen getroffen. Moody's sieht die Kapazitätskürzungen vieler Rückversicherer allerdings als freiwilligen Rückzug: «Die Branche ist nicht knapp an Kapital», sagte Analyst Pinto.

Unterdessen geht die Hannover Rück in Europa von steigenden Preisen für die Absicherung gegen Naturkatastrophenrisiken aus - gerade auch nach der verheerenden Flutkatastrophe vom Juli 2021 und den Winterstürmen vom Februar 2022. Damit werde das Naturkatastrophengeschäft auch für die Hannover Rück interessanter, sagte Vorstandsmitglied Silke Sehm.

Die Swiss Re erwartet wie Munich Re und Hannover Rück eine wachsende Nachfrage nach Rückversicherungsschutz. Das Unternehmen will in diesem Zuge auch sein Naturkatastrophengeschäft ausbauen, wie es am Morgen mitteilte.

Weniger mutig zeigen sich die großen Anbieter mit Blick auf Cyber-Versicherungen gegen Hackerattacken und andere Zwischenfälle in Computersystemen. Zwar gehen Munich Re und Swiss Re weiter davon aus, dass der Cyber-Versicherungsmarkt bis 2025 auf 20 Milliarden Dollar oder darüber hinaus wächst. Allerdings halten sie sich wegen der Höhe der drohenden Schäden mit dem Geschäftsausbau zurück.

«Es darf nicht sein, dass wir Policen anbieten zu Prämien, die die Risiken nicht abdecken», sagte Swiss-Re-Manager Thierry Léger. Schließlich sei dieses Gebiet noch wenig erforscht. Die Munich Re vereinte zuletzt nach eigenen Angaben rund 14 Prozent des weltweiten Cyber-Prämienvolumens von etwa 10 Milliarden Dollar auf sich. Für Vorstandsmitglied Torsten Jeworrek ist das mittelfristig zu viel: «Wenn sich der Markt entwickelt, wird unser Marktanteil sinken», stellte er in Monte Carlo klar.

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