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Statistisches Bundesamt

Inflationssorgen wachsen - Teuerungsrate über 5 Prozent

Wiesbaden (dpa)

Die Teuerungsrate in Deutschland springt über die Marke von 5 Prozent. Vor allem ärmere und ältere Menschen spüren laut einer Studie die Folgen der Inflation.

Von Friederike Marx, dpa

Zapfpistolen für die Kraftstoffe Benzin Super E10, Benzin Super E5, Diesel und excellium Diesel hängen an einer Zapfsäule an einer Tankstelle in Berlin. Foto: Carsten Koall/dpa

Die Menschen in Deutschland müssen einen weiteren Preisschub verkraften: Die Inflation stieg im November auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren.

Angeheizt insbesondere von gestiegenen Energiepreisen legten die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,2 Prozent zu. Das Statistische Bundesamt bestätigte am Freitag damit eine erste Schätzung. Eine höhere Teuerungsrate wurde zuletzt im Zuge des Wiedervereinigungsbooms im Juni 1992 mit 5,8 Prozent gemessen. Im Oktober des laufenden Jahres hatte die Rate bei 4,5 Prozent gelegen. In den USA stieg die Inflationsrate im November sogar auf 6,8 Prozent.

Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger kaufen können als zuvor. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) treffen die Folgen auf längere Sicht vor allem ärmere und ältere Menschen. Demnach stiegen Lebenshaltungskosten der einkommensschwächsten Haushalte seit 1995 um fast 34 Prozent und die der einkommensstärksten um rund 28 Prozent. Ärmere Haushalte «geben einen großen Teil ihres Einkommens für lebensnotwendige Güter aus. Steigt dort der Preis, gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten», erläuterte Studienautor Markus Demary.

Betroffen sind zudem auch ältere Menschen. Ein 80-Jähriger mit durchschnittlichem Konsumverhalten zahlt den Berechnungen zufolge heute knapp 43 Prozent mehr für seinen Lebensstandard als ein Altersgenosse 1995. Bei 18- bis 24-Jährigen sind es rund 19 Prozent mehr. Ein Grund: Jüngere leben häufig in kleineren Wohnungen oder Wohngemeinschaften, geben also weniger für Miete und Nebenkosten aus. Zuvor hatte der «Tagesspiegel» darüber berichtet.

Der Heizölpreis verdoppelte sich

Besonders tief mussten die Menschen in Deutschland im November erneut für Energie in die Tasche greifen. Haushaltsenergie verteuerte sich innerhalb eines Jahres insgesamt um 22,1 Prozent. Der Heizölpreis verdoppelte sich. Sprit kostetet 43,2 Prozent mehr als im November 2020. Auch Erdgas (plus 9,6 Prozent) und Strom (plus 3,1 Prozent) wurden teurer. Für Nahrungsmittel mussten die Menschen 4,5 Prozent mehr zahlen.

Ohne Berücksichtigung der Energiepreise hätte die Inflationsrate im November bei 3,4 Prozent gelegen. Die Teuerung wird seit Monaten von steigenden Energiepreisen im Zuge der weltweiten Konjunkturerholung nach der Corona-Krise 2020 angeheizt. Zudem schlägt die Rücknahme der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung durch: Seit Januar 2021 gelten wieder die regulären Sätze, Waren und Dienstleistungen werden also tendenziell teurer. Hinzu kommen Materialmangel und Lieferengpässe sowie die Einführung der CO2-Abgabe Anfang des Jahres.

Preisrückgang bei Pauschalreisen

Gegenüber dem Vormonat Oktober sanken die Verbraucherpreise im November um 0,2 Prozent. Ein wesentlicher Grund dafür war den Angaben zufolge der saisonbedingte Preisrückgang bei Pauschalreisen.

Die in den USA festgestellten 6,8 Prozent sind dort die höchste Inflationsrate seit dem Jahr 1982. Sie liegt nun noch deutlicher über dem Inflationsziel der US-Notenbank Fed von zwei Prozent. Die Federal Reserve hat die erhöhte Teuerung lange als von Corona-Sonderfaktoren bestimmte, vorübergehende Entwicklung betrachtet. Notenbankchef Jerome Powell hat zuletzt aber durchblicken lassen, dass diese Sichtweise nicht mehr uneingeschränkt haltbar sei.

US-Präsident Joe Biden versuchte zu beruhigen. Die Entwicklungen nach Erhebung der jüngsten Daten zeigten, «dass sich der Preis- und Kostenanstieg verlangsamt, wenn auch nicht so schnell, wie wir es uns wünschen würden». Die Hälfte des Preisanstiegs im November sei auf Autos und Energiekosten entfallen. Seitdem seien die Energiepreise deutlich gesunken.

Die Inflation ist auch ein wichtiger Gradmesser für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Notenbank strebt für den Währungsraum der 19 Länder eine jährliche Teuerungsrate von 2 Prozent an und ist zumindest zeitweise bereit, ein moderates Über- oder Unterschreiten zu akzeptieren.

Die EZB steht unter Druck von Kritikern, ihre lockere Geldpolitik angesichts der steigenden Preise zu straffen. Aus Sicht der Notenbank ist der Anstieg der Inflation jedoch vorübergehend. Die vergleichsweise hohen Teuerungsraten machten vielen Menschen Sorgen, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde jüngst. «Wir erwarten aber, dass dieser Anstieg der Inflation nicht von Dauer sein wird. Im nächsten Jahr wird sich das wieder beruhigen. Schon von Januar an erwarten wir, dass die Inflationsraten beginnen zu sinken», sagte Lagarde der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung».

Der Ökonom Sebastian Dullien sieht gute Chancen, «dass wir mit dem aktuellen Anstieg den Höhepunkt der Inflation erreicht haben oder dass dieser spätestens im Dezember erreicht wird». Es könnte allerdings bis in die zweite Jahreshälfte 2022 dauern, bis die Inflationsrate wieder unter die Marke von 2 Prozent falle. Der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung sieht angesichts der jüngsten Lohnabschlüsse auch keine Anzeichen für eine gefährliche Spirale aus steigenden Löhnen und steigenden Verbraucherpreisen.

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