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Ifo-Chef Fuest fordert in Münster Ende der Nullzinspolitik der EZB

Plädoyer für knapperes Geld

Münster.

Der Streit um die richtige Geldpolitik spitzt sich derzeit wegen der hohen Inflation. Clemens ­Fuest, Präsident des Münchener Ifo-Instituts, hat am Montagabend in dieser Frage in klar Position bezogen.

Von Jürgen Stilling

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, sieht enorme Inflationsgefahren. Bei der Mitgliederversammlung des Verbandes der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie in Münster war er am Montag der Gastredner.Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, Foto: Gunnar A. Pier

Die Forderung an die Europäische Zentralbank ist unmissverständlich: „Wir brauchen ein Ende der expansiven Geldpolitik! Sofort!“, verlangte Clemens ­Fuest. Der Präsident des Münchener Ifo-Instituts ließ am Montagabend in seiner Geburtsstadt Münster kein Missverständnis aufkommen: „Die Grundtonalität der Geldpolitik ist schon lange viel zu expansiv.“ Das heißt: Der Wirtschaftsforscher wünscht sich schon seit Langem höhere Leitzinsen. Bei der Mitgliederversammlung des Verbandes der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie ließ er keinesfalls die Ausrede mancher Währungshüter gelten, die aktuelle Inflation sei vor allem energiepreisgetrieben und damit nicht durch höhere Zinsen zu stoppen: „Wenn die EZB das Geld verknappt, steigt der Wert des Euro“, so Fuest – und damit werde Erdöl billiger, weil es in Dollar gehandelt wird.

Die Währungshüter müssten jetzt aufpassen, denn es drohe „ein Horrorszenario“ für die Zentralbank. Grund: Durch die momentan hohen Tarifforderungen der Gewerkschaften könne eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommen. „Wenn die EZB jetzt nicht schnell reagiert, bekommt sie die Lage nur mit einer massiven Konjunkturbremse wieder in den Griff“, sagte der Ifo-Chef.

Droht somit eine Stagflation – also eine schrumpfende Wirtschaft bei stark steigenden Preisen? Das deutete Dr. Wilfried Holtgrave, der Präsident des Verbandes der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, an. Auch Fuest sieht große konjunkturelle Risiken – vor allem im Falle eines Gas-Embargos gegen Russland. Dann wäre in Deutschland ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um rund fünf Prozent zu erwarten – „wie schon in der Corona-Krise“. In dem Fall dürfte die Inflation 2023 nach Fuests Einschätzung fünf Prozent erreichen, ohne Embargo 2,8 Prozent.

Fuest riet davon ab, langfristig die Gas-Importe aus Russland ganz einzustellen. Und auch kurzfristig zweifelt der Wirtschaftswissenschaftler daran, dass ein Gas-Lieferstopp den Ukraine-Krieg verkürzt. „Damit Putin das Geld ausgeht, muss man ein solches Embargo sehr lange durchhalten.“

Mit Blick auf die zukünftige Energieversorgung Deutschlands kritisierte ­Fuest den Ausstieg aus der Kernenergie. Er ist aber sicher: „Wir werden aus der Atomkraft aussteigen, obwohl das ein energiepolitisches Desaster ist.“ Klimaschutz ohne Nuklearenergie sei schwer. „Es gibt kaum jemanden im Ausland, der glaubt, dass man ohne Kernenergie CO2-neutral werden kann“, betonte der Institutsleiter.

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