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Interview

Wir müssen langfristig mit einer Inflation von 3 bis 5 Prozent rechnen

Münster

Margarete Kordt, Niederlassungsleiterin der Spiekermann & CO AG aus Münster, erklärt, welche Anlageklassen in so einer Situation Sinn machen und welche nicht – von Gold bis Kryptowährungen.

Foto: colourbox.com

Müssen wir uns an höhere Inflationsraten gewöhnen?

Kordt: Die Verbraucher spüren momentan die Preiserhöhungen besonders für Energie und Lebensmittel, aber auch in vielen anderen Bereichen. Die Bewertung der Inflationsrate ist aber komplexer, denn die wird immer im Vorjahresvergleich dargestellt. Durch die Coronapandemie rutschte zum Beispiel der Ölpreis 2020 in den Keller und ist zuletzt durch den Krieg in der Ukraine sehr stark gestiegen. Statistisch führt das zu einer sehr hohen Preissteigerung. Langfristig betrachtet haben wir solche Ölpreise wie im Moment auf dem Weltmarkt aber schon öfter gesehen. Die Inflationsrate wird quasi automatisch normaler werden, wenn wir uns nächstes Jahr mit dem jetzigen Preisniveau vergleichen.

Verschwindet also die Geldentwertung bald wieder von der Tagesordnung?

Kordt: Das Thema Inflation wird uns wohl leider länger beschäftigen, denn es gibt noch andere Hintergründe. Neben den akuten Folgen des Ukrainekriegs, schwellt im Hintergrund der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Außerdem haben die Lieferkettenschwierigkeiten während der Pandemie etwa bei kritischen Produkten wie Medikamenten dazu geführt, dass es Bestrebungen gibt, die Globalisierung ein Stück weit zurückzudrehen. Autarkie kostet aber. Wir haben in den Industriestaaten über Jahrzehnte Arbeitsplätze in Billiglohnländer exportiert. Aber auch der Lohnvorteil, der für uns etwa Waren aus China so günstig gemacht hat, der schrumpft und lässt bei uns die Preise steigen. Das wird kaum zurückzudrehen sein. Was jetzt auch kein Grund zur Panik ist, aber wir können uns schon darauf einstellen, dass wir in den nächsten Jahren eine Inflationsrate eher im Bereich von drei bis fünf Prozent sehen werden.

Finanzexpertin Margarete Kordt, Prokuristin der Spiekermann & Co AG in Münster. Foto: Spiekermann & Co AG

Also einfach den Inflationsklassiker Gold kaufen, um Vermögen zu schützen?

Kordt: Das Edelmetall ist nicht in jedem Fall ein gutes Investment, denn es wirft erstmal nichts ab. Trotzdem kann Gold ein stabilisierendes Element sein, da es gerade in Krisenzeiten oft gefragt ist und einem Anlagemix mit fünf bis zehn Prozent beigemischt werden kann. Denn obwohl der Preis über ein paar Jahre betrachtet, zum Teil heftig schwankt, ist es langfristig ein über Jahrtausende funktionierendes Zahlungsmittel.

Immobilien haftet auch der Ruf an, immun gegen die Geldentwertung zu sein. Stimmt das noch?

Kordt: Das kommt auf den Einzelfall an. In einigen Teilen des Immobilienmarktes sehen wir eine Überhitzung, die sich unter anderem aus den günstigen Kreditzinsen ergibt. Hier steht eine Wende an und es muss genau analysiert werden, ob ein bestimmtes Objekt als Investment noch Sinn ergibt. Bei Gewerbeimmobilien braucht es zum Beispiel nach der Pandemiebelastung Unternehmen, die sich ein steigendes Mietniveau leisten können. Es könnte in vielen Fällen schwierig werden hier auskömmliche reale Renditen zu erwirtschaften. Bei einem selbst genutzten Einfamilienhaus steht dagegen oft nicht der Inflationsschutz oder die Rendite im Vordergrund, sondern der persönliche Luxus der eigenen vier Wände.

Helfen Aktien, Vermögen wertstabil anzulegen?

Kordt: Tatsächlich ist die Aktie ein Sachwert, denn Käufer erwerben einen Anteil an einem Unternehmen. Der hat einen ganz realen Gegenwert, etwa die Firmengebäude oder die Maschinen, aber auch ideelle Dinge, wie etwa Patente oder die Erfahrung mit einem ertragreichen Geschäftsmodell. Insofern sind sie ein guter Inflationsschutz, allerding kann ein steigendes Preisniveau dazu führen, dass die Gewinnmargen in umkämpften Märkten schrumpfen. In einem inflationären Umfeld sind deswegen Geschäftsmodelle besonders interessant, die eine Preissetzungsmacht mit sich bringen, die zum Beispiel globale Marktführer oder starke Marken haben. Ein Hinweis darauf kann eine stabile Dividendenrendite sein, also eine regelmäßige Ausschüttung von Gewinnen an die Aktionäre.

Sind festverzinsliche Papiere momentan überhaupt eine sinnvolle Option für Anleger?

Kordt: Rein vom realen Zinsertrag betrachtet sind sichere Staatsanleihen derzeit kein optimales Investment und bei Unternehmenspapieren gilt es, wie bei Aktien, auf das Geschäftsmodell zu achten. In Portfolien, die darauf ausgelegt sind, Schwankungen möglichst zu vermeiden, setzen wir als Vermögensverwalter zum Beispiel inflationsgesicherte Anleihen ein. Sie gleichen die Geldentwertung automatisch aus. Damit sind keine hohen Renditen zu erzielen, aber sie versprechen zumindest eine weitgehende Kompensation des Kaufkraftverlusts.

Manche sagen bereits das Ende der klassischen Bezahlsysteme voraus und setzen auf Kryptowährungen als Alternative. Eine gute Idee?

Kordt: Die Grundidee, dass hier etwas Neues entsteht, was jenseits der staatlich kontrollierten Währungen eine Alternative bietet, klingt gut. Aber Vorsicht, wer denkt, hier eine Goldalternative vor sich zu haben, könnte weit daneben liegen. Während das Edelmetall seit tausenden von Jahren als wertstabile Tauschwährung dient, sind Bitcoin und Co. noch sehr neu. Die weitere Entwicklung ist schwer vorhersehbar. Genau genommen haben Kryptowährungen keinen inneren Wert und der Preis bestimmt sich allein durch Angebot und Nachfrage. Wer hier investiert, muss starke Schwankungen bis zum Totalverlust einkalkulieren.

Bankeinlagen, wie Sparbücher oder Tagesgeldkonten, bringen praktisch keine Zinsen mehr, also am besten Finger weg?

Kordt: Als langfristige Geldanlage sind Bankeinlagen derzeit nicht geeignet. Aber bevor jemand über ein Investment nachdenkt, sollte er eine Reserve für sechs bis zwölf Monate aufbauen. Gerade die Coronapandemie hat wieder gezeigt, wie wichtig es sein kann, ein Polster zu haben, wenn zum Beispiel plötzlich Einnahmen wegbrechen. Hier ist Sicherheit und Verfügbarkeit wichtiger als Rendite und Inflationsausgleich. So eine eiserne Reserve sollte jeder auf dem Konto haben.

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