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Sonderveröffentlichung

Vermögenstag 2022

Anlegen in Krisenzeiten

Münster

Erst die Corona-Pandemie, dann der russische Angriff auf die Ukraine haben die Anleger massiv verunsichert. Da ist das Interesse an fachmännischer Beratung groß. Beim 6. Münsterländischen Vermögenstag haben zahlreiche Vorträge Hilfestellungen gegeben.

Von Jürgen Stilling und Martin Kalitschke

Das Interesse der Zuhörer an den Anlagetipps der Referenten war sehr groß. Foto: Oliver Werner

Erst die Corona-Pandemie, dann der russische Angriff auf die Ukraine haben die Anleger massiv verunsichert. Da ist das Interesse an fachmännischer Beratung groß: Fast 300 Leserinnen und Leser der Westfälischen Nachrichten kamen zum 6. Münsterländischen Vermögenstag ins Hotel Mövenpick nach Münster. Zusätzlich verfolgten zahlreiche Interessenten die Veranstaltung online. Insgesamt 13 Vorträge wurden von Referenten der Heemann Vermögensverwaltung, der Sparkasse Münsterland Ost, der Kroos Vermögensverwaltung, der Bauer Vermögensverwaltung und der Spiekermann Co. AG gehalten.

"Jede Krise ist anders"

„Jede Krise ist anders“, so die Einschätzung von Johannes Kroos, Prokurist der Kroos Vermögensverwaltung AG. In seinem Vortrag verglich er das aktuelle, durch die Ukraine-Krise geprägte Jahr mit den Schockwellen, die Finanz- und Corona-Krise aussandten.

Seit Beginn dieses Jahres sind die Preise für Rohstoffe um 35 Prozent gestiegen, der Gold-Preis nahm um acht Prozent zu, der Dax fiel um 24 Prozent. Anders die Entwicklung in der Finanzkrise 2008: Damals stieg der Gold-Preis um elf Prozent, während der Dax 23 Prozent verlor, Rohstoff-Preise aber um 42 Prozent fielen. Derweil war in der Corona-Krise 2020/21 Gold der große Gewinner (plus zwölf Prozent), Rohstoffe (minus 14 Prozent) der Verlierer.

Auch wenn Aktien kurzfristig einbrechen: Langfristig seien sie die beste Anlage, so Kroos mit Verweis auf die Zehn-Jahres-Entwicklung. Die weist beim globalen MSCI-Aktienindex ein Plus von 142 Prozent aus, beim DAX von 68 Prozent, bei Rohstoffen lediglich von drei Prozent.

Stichwort Gold: „Es ist seinem Ruf als Krisenwährung wieder einmal gerecht worden“, so Johannes Kroos mit Blick auf das Plus von acht Prozent seit Anfang dieses Jahres.

Risikoreduzierung steht im Fokus

Klare Kernziele bestimmen die Anlagephilosophie der Heemann Vermögensverwaltung AG aus Gronau: die Risikoreduzierung und eine verlässliche Wertentwicklung. Die Anlage in unterschiedlichen Wertpapierklassen trägt laut Portfoliomanagerin Miriam de Winder zur Verminderung der Risiken bei. Es würde bei Heemann aber auch in unterschiedlichen Ländern, Branchen und Anlagestilen angelegt. „Die Allokation wird stetig angepasst“, betonte der Winder.

Zur Branchenstrategie erklärte die Portfoliomanagerin, dass bei Heemann aktuell beispielsweise die Technologiewerte zurückgefahren wurden, nachdem diese Werte in der Corona-Pandemie „hochgefahren“ worden seien. Stattdessen sei zu Kriegsbeginn in der Ukraine stärker in Versorger investiert worden.

Einen weiteren wichtigen Tipp gab Portfoliomanager Gerhard Mayer: „Die Kapitalanlage muss zum Alter des Anlegers passen.“ Während junge Menschen gut in Aktien investieren könnten, weil sie Zeit hätten, bei zeitweiligen Kursverlusten abzuwarten, empfahl Mayer älteren Menschen eher die Geldanlage in Anleihen. Deren Vorteil sei, dass sie garantierte Zinszahlungen einbrächten und der Kaufbetrag am Ende der Laufzeit auf jeden Fall zu 100 Prozent zurückgezahlt werde, so der Anleiheexperte der Gronauer Vermögensverwaltung.

Die Alternative Gold hat laut Mayer einen klaren Nachteil: „Sie bringt keinen laufenden Ertrag.“

Bauer setzt auf ETFs

Bei der Vermögensverwaltung Bauer sei der Investmentprozess wissenschaftlich strukturiert. Das betonte der geschäftsführende Gesellschafter Stefan Bauer. Der Berater empfiehlt vor allem Investments in ETFs (Exchange Traded Funds), weil sie mit einer Kostenquote von lediglich 0,2 bis 0,3 Prozent sehr kostengünstig seien – im Vergleich zu aktiv gemanagten Fonds, deren Kosten sich meist deutlich über zwei Prozent bewegten. Bei Direktinvestitionen sieht Bauer ein „großes Klumpenrisiko“, das heißt: Dabei wird zu viel Geld auf eine Karte gesetzt.

Portfoliomanager Philip Axnick zeigte auf, dass aktiv gemanagte Fonds in der Regel nicht erfolgreicher seien als die streng an einen Index oder eine Anlageregel gebundenen ETFs. Grundsätzlich stellte Stefan Bauer klar, dass es sich in jeder Marktphase lohne, in Aktien zu investieren. Er erwartet nach dem Kurseinbruch der vergangenen Monate schon bald wieder eine Erholung der Aktiennotierungen.

Erste Anzeichen für Erholung

Zehn Prozent Inflation: „Das tut richtig weh“, sagt Marcus Wolscht, Leiter Portfoliomanagement bei der Sparkasse Münsterland Ost. Zugleich sieht er erste Anzeichen für eine Besserung. Ende 2023 könnte die Inflation wieder unter drei Prozent fallen, so seine Prognose – die indes, wie er mit Blick auf Ukraine-Krieg und Energieknappheit einräumt, noch mit Unsicherheiten behaftet sei.

Stichwort Aktienmarkt: Seit Jahresbeginn sind Wertpapiere auf Talfahrt, es gebe bereits wieder viele „Schnäppchen“, so Wolscht. Kurzfristig will er nicht ausschließen, dass die Kurse noch weiter fallen könnten. „Ende 2024 wird der Dax allerdings wieder an alten Höchstständen knabbern“, ist der Portfoliomanager überzeugt. Wer Aktien von soliden Unternehmern kaufe, habe gute Chancen auf eine ordentliche Rendite. Zumal in den vergangenen Jahrzehnten krisenbedingte Kursrückgänge früher oder später immer wieder ausgeglichen worden seien, wie Wolscht berichtete. So habe der Dax einen Kursrückgang um rund 40 Prozent während der Ölkrise in viereinhalb Jahren aufgeholt, den Kursrückgang durch Corona (minus 38,8 Prozent) sogar innerhalb weniger als eines Jahres.

Anlagefehler wiederholen sich

Nach Einschätzung der Spiekermann & Co. AG ist ein Nießbrauchdepot „die steuergünstigste Art zu schenken“. Was dabei zu beachten ist, erläuterte Vermögensbetreuer Michael Löbbel. Er riet den Zuhörern, einen Nießbrauch so früh wie möglich in die Wege zu leiten. An Beispielen zeigte er auf, wie man bei der Übertragung einer vermieteten Immobilie, die einen Wert von einer Million Euro hat, die Schenkungssteuer auf null Euro reduzieren kann – und was bei der Übertragung eines Aktiendepots zu beachten ist.

Vermögensbetreuer Thomas Ziemann und Chef-Analyst Mirko Kohlbrecher von Spiekermann zeigten indes typische Anlagefehler auf, die immer wieder vorkommen. So investieren laut Kohlbrecher sehr viele Anleger ausschließlich in deutsche Aktien und gehen damit ein großes Risiko ein. Spiekermann rate stattdessen aktuell eher zu Investments am amerikanischen Markt.

Wissenschaftlich erwiesen sei, so trug Kohlbrecher vor, dass Menschen Verluste als doppelt so stark empfinden wie gleich hohe Gewinne. „Folglich schrecken viele davor zurück, Verluste durch Aktienverkäufe zu realisieren – das kann unvernünftig sein“, so der Analyst.

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