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Verkehrsminister

Wissing will tiefgreifende Reformen für besseren Nahverkehr

Berlin (dpa)

Das 9-Euro-Ticket läuft - aber wie geht es danach mit Preisen und Angebot im Nahverkehr weiter? Die Länder wollen mehr Geld. Doch auch der Bund hat Erwartungen. Worauf es dem Verkehrsminister ankommt.

Von Andreas Hoenig und Sascha Meyer, dpa

Verkehrsminister Volker Wissing will den Nahverkehr reformieren. Foto: Britta Pedersen/dpa

Verkehrsminister Volker Wissing will mit Schwung aus den 9-Euro-Tickets tiefgreifende Verbesserungen für einen dauerhaft attraktiveren öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) erreichen.

«Wir müssen die Chancen nutzen, mehr Menschen für den ÖPNV zu begeistern», sagte der FDP-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. «Wir wollen neue Fahrgäste gewinnen.» Dafür sollte das Angebot verständlicher, einheitlicher und damit kundenfreundlicher werden. Wissing sprach sich auch für praktische Nahverkehrs-Apps und einfachere Tarife aus.

Außerdem müssten kleinteilige Organisationsstrukturen aufgebrochen werden, machte der Minister deutlich. Einheitliche Tarife und Verkehrsverbund-übergreifende Angebote seien auch für die Kundinnen und Kunden ein echter Mehrwert. «Menschen leben nicht in Tarifzonen. Menschen wollen von A nach B. All die technischen Dinge, die im Hintergrund eine Rolle spielen, müssen für die Nutzer unsichtbar werden. Da hilft uns die Digitalisierung, und sie müssen wir auch stärker nutzen. Wir sollten den ÖPNV stärker über die eigene Zone und über den eigenen Zweckverband hinaus denken.»

9-Euro-Ticket soll wichtige Erkenntnisse bringen

Das zum Monatsbeginn gestartete 9-Euro-Ticket hatte Wissing als «Feldversuch» bezeichnet. Es sei die Chance zu prüfen, inwieweit der Preis die Einstiegshürde für den ÖPNV sei oder es auf attraktivere Angebote ankomme. «So können wir wichtige Erkenntnisse gewinnen über genau diese Frage und unser ÖPNV-Angebot entsprechend ausrichten.» Und eine stärkere Nutzung des ÖPNV helfe, die Klimaschutzziele im Verkehrssektor zu erreichen.

Die 9-Euro-Tickets gelten im Juni, Juli und August und ermöglichen jeweils für einen Monat beliebig viele Fahrten in Bussen und Bahnen des Nah- und Regionalverkehrs in ganz Deutschland - viel günstiger als normale Monatstickets, die zudem nur im Verbundbereich gelten. «Gemeinsam mit den Ländern und Verkehrsunternehmen haben wir das, was einigen Ländern vor wenigen Wochen noch unmöglich erschien, möglich gemacht - nämlich innerhalb kürzester Zeit dieses Ticket auf die Beine gestellt», sagte Wissing. «Damit haben wir für die Verbesserung des ÖPNV grundsätzlich etwas in Bewegung gesetzt.»

Verbraucherschützer gegen anschließende Preiserhöhung

Verbraucherschützer mahnten schon, drohende Preiserhöhungen nach dem Ende der Aktion zu vermeiden. Wissing sagte in diesem Zusammenhang: «Wenn wir die Auslastung im Nahverkehr durch das Ticket erhöhen können und Kunden dabei bleiben, dann haben die Verbünde und die Verkehrsunternehmen mehr Einnahmen pro Monat, und es verbessert sich auch die Finanzsituation.» Wenn es darüber hinaus gelinge, viele Menschen, die nun das Angebot ausprobieren, als dauerhafte Kundinnen und Kunden zu gewinnen, dann werde sich das perspektivisch auch positiv auf die Einnahmen auswirken. «Im Übrigen bekommen die Länder die Einnahmenverluste durch das 9-Euro-Ticket vom Bund finanziert.»

Die vorgesehene Evaluierung der Sonderaktion werde auch Hinweise darüber liefern, in welchen Regionen das Ticket nicht genutzt werde, erläuterte der Minister. «Und dann wird man die Frage stellen müssen, ob das Angebot dort nicht nutzerfreundlich genug ist.»

Wissing dringt auf Reformen

Die Länder fordern vom Bund dauerhaft mehr Regionalisierungsmittel, mit denen sie oder Verkehrsverbünde Nahverkehrsleistungen bei Anbietern bestellen. Wissing dringt aber zunächst auf Reformen. «Die Analyse des 9-Euro-Tickets wird uns klare Hinweise geben, wo wir hin müssen», sagte er. Die Länder wollen bis zum Herbst Ergebnisse einer von Wissing vorgeschlagenen Arbeitsgruppe vorlegen, um dann über die Regionalisierungsmittel für den Haushalt 2023 zu sprechen.

«Damit haben wir die Chance, die Finanzierung des ÖPNV langfristig auf solide Füße zu stellen und den ÖPNV für alle deutlich komfortabler und attraktiver zu machen», sagte der Minister. Das System müsse effizienter und schlagkräftiger werden. «Wir müssen den ÖPNV von den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden und nicht von unseren Strukturen im Nahverkehr aus denken.» Dazu gehörten nutzerfreundliche Nahverkehrs-Apps, für die Verbände und Unternehmen Kundendaten untereinander verfügbar machen müssten.

Als Landesminister in Rheinland-Pfalz habe er einzelne Zweckverbände zu größeren Einheiten zusammengelegt. «Der Widerstand war zunächst massiv, im Ergebnis haben wir damit aber viele Verbesserungen für den ÖPNV erreichen können. Es geht darum, dass man die Strukturen der Lebenswirklichkeit der Menschen anpasst und auf die Höhe der Zeit bringt. Viele kleine Verbünde, die miteinander Abstimmungen über Tarife treffen müssen, kommen nicht so schnell voran wie ein großer Verbund.»

Die Mobilitätsbedürfnisse seien unterschiedlich. «Ihre Erwartung an den ÖPNV hängt zum Beispiel auch davon ab, ob Sie in einem großen Ballungszentrum oder in ländlichen Räume leben.» Hier müsse man auch die Möglichkeit schaffen, neue innovative Angebote in das bestehende Nahverkehrssystem zu integrieren. Eine Möglichkeit seien On-Demand-Angebote. Inzwischen gebe es sogar schon Pilotprojekte, bei denen Carsharing-Fahrzeuge ferngesteuert zum Kunden kommen.

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