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Naturschutz

50.000 wilde Arten genutzt - Warnung vor Ausbeutung

Bonn (dpa)

Produkte von wildlebenden Arten überall: Kräuter im Teebeutel, Fischfilet auf dem Teller, Holzmöbel in der Wohnung. Die Nachfrage ist groß, aber die Ressourcen begrenzt. Und sie werden immer knapper.

Von dpa

Ein kaschmirischer Fischer wirft sein Netz in den Dal-See. Nach Schätzungen sind etwa 34 Prozent der wilden Meeresfischbestände überfischt, 66 Prozent würden in biologisch nachhaltigem Ausmaß gefangen, heißt es in dem Bericht. Foto: Adil Abbas/ZUMA Press Wire/dpa

Viele Tiere in freier Wildbahn und natürlich vorkommende Pflanzen sind für Milliarden Menschen Teil ihrer Lebensgrundlage - doch diese Angebote der Natur sind mehr und mehr gefährdet.

Menschen profitierten täglich vom Gebrauch wildlebender Arten für Nahrung, Energie, Material, Medizin, Erholung und andere lebensnotwendige Beiträge zum Wohlergehen, erklärte der Weltbiodiversitätsrat IPBES in Bonn.

Die beschleunigte globale Biodiversitäts-Krise mit einer Million vom Aussterben bedrohten Pflanzen- und Tierarten gefährde diese Beiträge für die Menschheit, heißt es in einem am Freitag vorgestellten IPBES-Bericht über die nachhaltige Nutzung wildlebender Algen-, Tier-, Pilz- und Pflanzenarten.

Mit ungefähr 50.000 wilden Arten mit verschiedenen Nutzungen - darunter etwa 10.000, die gegessen werden - sei die Landbevölkerung in Entwicklungsländern am meisten betroffen von einem nicht nachhaltigen Gebrauch. Ein Mangel an Alternativen zwinge sie oft dazu, bereits gefährdete Arten weiter zu nutzen, erklärten die Autoren. Zu wildlebenden Arten gehören auch Pilze und Rehe im Wald und wildwachsende Beeren und Kräuter - im Gegensatz etwa zu gehaltenen Nutztieren und angebautem Obst und Gemüse.

Bericht nach vier Jahren Arbeit

Bei einem Kongress in Bonn mit mehr als 900 Vertretern der 139 Mitgliedsstaaten des Weltbiodiversitätsrats wurde der Bericht verabschiedet. 85 Experten aus 33 Ländern hatten vier Jahre daran gearbeitet. IPBES, die Zwischenstaatliche Plattform für Biodiversität und Ökosystem-Dienstleistungen, arbeitet seit 2014 in Bonn auf dem dortigen UN-Campus. Der Bericht soll Entscheidungsträgern Handlungsoptionen aufzeigen.

«70 Prozent der Armen in der Welt sind direkt abhängig von wilden Arten», heißt es in dem Bericht. Ungefähr ein Drittel der Menschheit verwende Brennholz zum Kochen. Etwa die Hälfte des jährlich global verwendeten Holzes werde für Energie gefällt, ganz überwiegend in Afrika. Die allermeisten der 120 Millionen im Fischfang Arbeitenden seien Kleinunternehmer. Die richtige Nutzung wilder Arten sei nicht nur für den globalen Süden extrem wichtig. «Vom Fisch auf dem Teller, über Medizin, Kosmetik, Dekoration und Erholung - der Gebrauch wilder Arten ist viel mehr verbreitet, als die meisten Leute meinen», erklärte Mitautorin Marla Emery.

Wichtige Einkommensquelle

Die Nutzung wildlebender Arten sei auch eine wichtige Einkommensquelle für Millionen Menschen. Wilde Baumarten machten zwei Drittel der globalen Industrie mit Rundholz aus. Der Handel mit wilden Pflanzen, Algen und Pilzen sei eine Milliarden-Dollar-Industrie. Der Bericht führt fünf Nutzungsformen an: Fischen, Sammeln, Holzfällen, die Jagd und das Beobachten. In den meisten Fällen habe das Nutzen wildlebender Arten zugenommen, aber der Grad an Nachhaltigkeit sei dabei unterschiedlich.

Zum Beispiel die Fischerei: Nach Schätzungen seien etwa 34 Prozent der wilden Meeresfischbestände überfischt, 66 Prozent würden in biologisch nachhaltigem Ausmaß gefangen. Aber es gebe signifikante Unterschiede. Länder mit einem stabilen Fischereimanagement hätten inzwischen üppigere Bestände. Der Bestand des atlantischen Blauflossen-Thunfischs sei wieder aufgebaut worden, er werde nun auf nachhaltigem Niveau gefischt.

Fischerei oft kaum nachhaltig

In Ländern mit wenig Management auf dem Gebiet sei der Status der Bestände oft kaum bekannt. Viele kleine Fischunternehmen seien nicht oder nur wenig nachhaltig, vor allem in Afrika bei Inlands- und Meeresfischerei sowie in Asien, Lateinamerika und Europa bei der Küstenfischerei.

Matthias Glaubrecht vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels in Hamburg fasst den Bericht so zusammen: «Eine weiterwachsende Menschheit plündert nach wie vor den Planeten Erde, als ob wir noch einen zweiten hätten.»

Rainer Froese vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel bemängelt an dem Bericht, dass er keinen «Aufruf zu dringend benötigten Aktionen, wie die Beendigung von Übernutzung mit verbindlichem Zeitplan» enthalte, «nur allgemeine "Gutfühl-Weisheiten", denen jeder zustimmen kann». Dabei gebe es einen Grund, warum über Jahrzehnte die Lage fast überall schlechter geworden sei. «Es wurde nicht gehandelt.»

Voneinander lernen

Die Autoren des Nachhaltigkeitsberichts meinen, dass unter anderem sichere Pachtrechte und gerechter Zugang zu Land, Fischerei und Wäldern sowie weniger Armut eine nachhaltige Nutzung wildlebender Arten begünstigen. Für viele indigene Menschen sei dies zentral. Wissenschaftler und Einheimische könnten voneinander lernen und die Bedingungen für Nachhaltigkeit verbessern.

Für die Zukunft sehen die Autoren einige Herausforderungen: Der Klimawandel, die zunehmende Nachfrage sowie effizientere Entnahme durch technologischen Fortschritt. Mit Blick auf den Fischfang plädieren sie unter anderen für eine Verringerung des illegalen und nicht regulierten Fischens und das Abschaffen schädlicher Subventionen. Bei der Holzernte schlagen sie eine Zertifizierung und Bewirtschaftung der Wälder für verschiedene Zwecke vor sowie technische Neuerungen und dadurch weniger Abfall bei der Herstellung von Holzprodukten.

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