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Hoffnung und Zweifel

Über Corona und die (Un-)Gewissheit

Vielerorts in Deutschland kann man sich per Schnelltest auf Corona testen lassen. Noch muss geschultes Personal die Probe nehmen. Kann das bald auch jeder selbst?

dpa

Ein medizinischer Mitarbeiter mit einem negativen SARS-CoV-2-Antigentest. Foto: Britta Pedersen

Berlin (dpa) - Endlich wieder die Mutter im Heim besuchen. Nach Monaten zur Familie fahren. Oder als Profisportler den Beruf ausüben. Corona-Schnelltests haben zuletzt in vielen Lebensbereichen in Deutschland Einzug gehalten.

Wohl millionenfach hat geschultes Personal Testwilligen mit langen Tupfern Proben aus dem Nasen-Rachen-Raum entnommen. Viele Menschen haben das bei privaten Anbietern selbst bezahlt. Aber wie belastbar sind die Ergebnisse? Und kommt bald ein Test für den Hausgebrauch?

WO MAN SCHNELLTESTS BEKOMMT

Wer als Privatperson ohne Symptome Gewissheit will, findet zunehmend kommerzielle Anbieter. Seit kurzem ist es auch Apotheken möglich, geschultes Personal einen Schnelltest bei Kunden durchführen zu lassen. Noch gibt es laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) aber keinen Überblick, wie viele Apotheken dies bundesweit bereits anbieten.

Nach 15 bis 30 Minuten bekommt man bei Schnelltests in der Regel das Ergebnis: positiv oder negativ. Die Preise variieren. Selbsttests auf Corona sind hierzulande bisher nicht möglich: Die Abgabe an Laien sei durch die Medizinprodukte- Abgabeverordnung untersagt, hieß es von der Abda.

WIE SICHER SIND SCHNELLTESTS?

Vorige Woche mehrten sich Alarmzeichen: «Wir haben in den letzten Wochen Ausbruchsszenarien gesehen, bei denen wahrscheinlich falsche Ergebnisse von Antigen-Schnelltests eine entscheidende Rolle für den Eintrag des Virus gespielt haben», sagte der Virologe Oliver Keppler von der LMU München.

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, erklärte: «Ich fürchte, dass eine gewisse Anzahl von Fällen auch auf falsch negative Ergebnisse von Schnelltests zurückzuführen sind, aber die Zahlen sind noch nicht gut interpretierbar.»

Wenn man den Einfluss von Schnelltests auf die derzeit immer noch hohen Meldezahlen und die Dunkelziffer verstehen will, müsste man erst einmal wissen, wie viel überhaupt damit getestet wird. Wie viel davon entfällt zum Beispiel auf Pflegeheime, wo der wiederholte Einsatz ausgeweitet werden sollte? Eine bundesweite Statistik dazu existiert aber nicht. Auch mehrere große Hersteller nennen auf Anfrage keine Verkaufszahlen, sprechen aber von großer Nachfrage.

«Wir gehen davon aus, dass jetzt im Dezember mehrere Millionen Schnelltests durchgeführt wurden», schätzt Evangelos Kotsopoulos vom Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM). Zum Vergleich: Beim Robert Koch-Institut (RKI) sind für die letzten fünf Wochen des Jahres 2020 rund 6,1 Millionen Labortests (PCR) erfasst, davon waren mehr als 750 000 positiv. Die sehr genauen, aber teureren PCR-Tests sollen derzeit medizinisch begründeten Fällen vorbehalten bleiben.

Wegen der geringeren Empfindlichkeit müssen positive Schnelltest-Ergebnisse im Labor bestätigt werden - zu hören ist aber, dass das vermutlich nicht immer geschieht. Da das RKI Schnelltest-Ergebnisse nicht berücksichtigt, tauchen solche Fälle nicht in der Statistik auf.

DAS SOLLTEN TESTWILLIGE BEACHTEN

Man sollte bei Schnelltest-Ergebnissen nicht nur in zwei Kategorien denken, auch wenn man sich natürlich fragt: positiv oder negativ? Tatsächlich kann ein positives Ergebnis ein Fehlalarm sein. Und weitaus gefährlicher: Ein Infizierter kann Entwarnung signalisiert bekommen.

Schon bevor die Tests auf den Markt kamen, war ihre geringere Zuverlässigkeit im Vergleich zur PCR bekannt. Die Verfahren sind unterschiedlich: Während im Labor selbst Spuren vom Erbmaterial des Erregers aufgespürt werden können, weisen Schnelltests ihn anhand bestimmter Virusproteine nach. Vor allem bei Infizierten in der hochansteckenden Phase schlagen Schnelltests recht zuverlässig an - also dann, wenn Betroffene viel Virus im Rachen haben. Vorausgesetzt, der Abstrich wurde handwerklich richtig gemacht.

Aber zum Beispiel zu Beginn der Inkubationszeit kann ein negatives Testergebnis trügen. Das ist zu bedenken, wenn man zum Beispiel einen mehrtägigen Familienbesuch plant. Wer am Tag der Abreise noch negativ war, kann zum Beispiel schon anderthalb Tage später positiv sein. Wissenschaftler betonen: Es ist immer nur eine Momentaufnahme.

DIE HERSTELLER-ANGABEN ZÄHLEN

Schnelltest ist auch nicht gleich Schnelltest. Auf einer Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sind inzwischen mehr als 330 Produkte aufgeführt, die die Mindestkriterien der Behörden erfüllen (Stand 18. Januar). Dabei sind die Angaben der Hersteller maßgeblich - was etwa die Deutsche Stiftung Patientenschutz seit längerem als fahrlässig kritisiert. Ohne Qualitätsüberprüfung drohe eine Scheinsicherheit.

Erste unabhängige Überprüfungen der Schnelltests zeigten «eine deutlich niedrigere Leistungsfähigkeit» als angeben, betonten vor einigen Tagen Wissenschaftler des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin zu Covid-19 in einem Positionspapier. Vermutet wird laut einem Experten, dass das teils an künstlichen Bedingungen bei der Erprobung durch den Hersteller liegt. Der Verband der Diagnostica-Industrie wollte sich kürzlich nicht zur Kritik der Wissenschaftler äußern.

DER SCHNELLTEST VON MORGEN?

Dass die Durchführung noch geschultem Personal vorbehalten ist, kann ein Nadelöhr beim Einsatz in der Breite sein, etwa weil es Schulen teils an solchen Kräften mangelt. Eine Abda-Sprecherin erklärte zum Verbot des Verkaufs an Endverbraucher: «Die korrekte Entnahme eines Nasen-Rachen-Abstrichs ist für Laien schwierig.» Als wichtig gilt etwa, dass der Tupfer tief genug eingeführt wird. Das wird oft als so unangenehm beschrieben, dass es man es bei sich selbst kaum tun würde.

Weiterentwicklungen zielen darauf ab, die Prozedur simpel genug für die Laien-Anwendung zu machen. An der Charité ist in Kooperation mit der Uniklinik Heidelberg untersucht worden, wie sich rund 150 Corona-Verdachtspatienten beim Umgang mit einem noch nicht auf dem Markt erhältlichen Selbsttest samt Anleitung geschlagen haben.

Im Unterschied zu bereits verfügbaren Tests müsse der Tupfer des untersuchten Kits nur im vorderen Nasenbereich eingesetzt werden, erläuterte Charité-Professor Frank Mockenhaupt. Zudem sei der Tupfer saugstärker, um dort genug Nasensekret aufzunehmen. Nach dem Abstrich solle der Tupfer in ein Röhrchen mit Flüssigkeit gesteckt werden, man müsse auf den Behälter drücken und schließlich ein paar Tropfen daraus auf die Testkassette träufeln. Nach 15 Minuten erscheine das Ergebnis: Eine Bande bedeute negativ, zwei Banden positiv.

Mockenhaupts Fazit: Beobachtet worden seien nur minimale Unterschiede zwischen Selbsttest und Test durch einen Profi. Beim Selbsttest wurden laut der Studie 33 von 40 Infizierten erkannt, beim Einsatz von Fachpersonal waren es 34. Der Test verzieh offenbar auch Fehler bei der Handhabung - denn das wurde in zwei von drei Fällen beobachtet, wie der Kommissarischer Leiter des Instituts für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit schilderte. Ob die Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind, müsse man noch bestätigen. Die Probanden seien eher jung und gut gebildet gewesen.

ENTSCHEIDEND SIND ANWENDUNGSBEREICH UND VERHALTEN

«Schnelltests sind nicht perfekt», bilanzierte Charité-Experte Mockenhaupt. «Es gibt aber viele Bereiche wie Schulen, wo sie sehr sinnhaft eingesetzt werden können, wenn einem die Einschränkungen bewusst sind.» Der Mediziner betonte, dass ein negatives Ergebnis nicht davon befreie, die Regeln zum Mindestabstand, zu Hygiene, Maskentragen und Lüften zu einzuhalten. «Das Ganze funktioniert nur zusammen.»

Zum Beispiel Österreich hat den regelmäßigen Einsatz von Selbsttests für Schüler für die Zeit nach der Schulöffnung angekündigt. «Selbsttests halte ich auch in Deutschland für sinnvoll, wenn eine flankierende Informationskampagne durchgezogen wird», so Mockenhaupt. Nicht alle Infizierten, aber zumindest ein großer Teil könne gefunden werden. Voraussetzung wäre aber, dass die Tests überhaupt zur Anwendung für Jedermann freigegeben werden.

Laborärzte betonen, entscheidend bei Schnelltests sei das richtige Verhalten danach: «Wenn ich einen positiven Antigentest habe, bleibe ich zu Hause, isoliere ich mich, bis ich das PCR-Ergebnis habe», so ALM-Vorstand Michael Müller. Das gelte auch bei einem negativen Ergebnis, wenn man leichte Erkältungsanzeichen wie Halskratzen habe. «Denn dieser Antigentest kann falsch-negativ sein.» Besonders beim coronaverdächtigen Symptom Geruchs- und Geschmacksverlust solle man besser einen Labortest statt einen Schnelltest anstreben.

© dpa-infocom, dpa:210119-99-80243/4

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