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Gruselig fürs Klima

Warum das Schwinden der Moore so brisant ist

Berlin (dpa)

Moore sind hierzulande oft kaum als solche zu erkennen, sondern Teil landwirtschaftlicher Nutzflächen. Wieso das ein Problem ist und warum es sich dennoch um Moore handelt, zeigt der «Mooratlas 2023».

Von Christopher Hirsch, dpa

Das rund 36 Hektar große wiedervernässte Hangquellmoor Binsenberg. Trockengelegte Moore stoßen Treibhausgas aus. Ihre Wiedervernässung gilt als wichtige Klimaschutz-Maßnahme. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Bei Mooren denken viele Menschen an Gruselgeschichten vom Versinken, Moorleichen oder zumindest an unzugängliches Gelände. «Die meisten Moor-Standorte sind jedoch nicht mehr als solche zu erkennen», sagte am Dienstag der Moor-Experte Jan Peters in Berlin. In Deutschland handele es sich vielerorts um trockenes Grünland und Ackerflächen, die aber wegen ihres Torfbodens immer noch als Moor gelten.

Peters ist Geschäftsführer der Greifswalder Succow Stiftung, die sich international für Moor- und Naturschutz einsetzt. Zusammen mit der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) veröffentlichte seine Stiftung am Dienstag den «Mooratlas 2023».

Moore binden viel mehr Kohlenstoff als Wälder

Moore sind weltweit dort entstanden, wo der Boden dauerhaft nass war. Pflanzenteile wurden unter Wasser nicht vollständig zersetzt, Torf entstand. Im Gegensatz etwa zu mineralischen Böden besteht Moorboden daher aus Biomasse. Weltweit bedecken Moore laut Mooratlas drei Prozent der Landfläche - binden aber doppelt so viel Kohlenstoff wie die Biomasse aller Wälder zusammen.

Probleme gibt es, wenn der Wasserspiegel in einem Moor sinkt und der Torf austrocknet. Wenn Sauerstoff an den Torf gelangt, zerfällt dieser und gibt Kohlenstoff frei. «Obwohl entwässerte Moore weniger als ein halbes Prozent der Landfläche der Erde ausmachen, sind sie für über vier Prozent aller weltweiten, durch den Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich», sagte Imme Scholz vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Das seien mehr Treibhausgasemissionen als durch den globalen Flugverkehr entstünden.

Jahrhundertelang hat man Gräben gezogen und Moore entwässert, etwa um sie für die Landwirtschaft nutzen zu können. In Deutschland gelten etwa 95 Prozent der Moore als entwässert. «In Deutschland verursachen entwässerte Moore sieben Prozent aller Treibhausgasemissionen», sagte Scholz. Durch Wiedervernässung - etwa durch das Verfüllen von Gräben - könne man diese Emissionsquelle fast auf Null setzen. «Das ist für die Erreichung der Pariser Klimaziele notwendig.»

Die Wiedervernässung der Moore ist unumgänglich

Laut Peters müsste dafür in Deutschland pro Jahr in etwa die Fläche des Bodensees wiedervernässt werden - etwa 50.000 Hektar. «Im Moment schaffen wir jedes Jahr nur knapp 2000 Hektar.» Es sei unglaublich viel aufzuholen. Das Thema sei sehr lange stiefmütterlich behandelt worden. Mittlerweile bewege sich die Politik zumindest in die richtige Richtung, etwa mit der Ende 2022 beschlossenen Moorschutzstrategie oder dem Aktionsprogramm «Natürlicher Klimaschutz». Dennoch kritisiert der Moorschutzatlas die Moorschutzstrategie als nicht ambitioniert genug.

In Mitteleuropa gelten den Angaben zufolge weit über 90 Prozent der Moore als zerstört. Laut Scholz sind aber auch etwa tropische und subtropische Gebieten betroffen. Dort seien in den vergangenen 15 bis 20 Jahren große Flächen für Palmöl- oder Holzplantagen entwässert worden. Im Kongobecken sollen ihrer Aussage nach Nutzungsrechte für eines der weltweit größten zusammenhängen Moore etwa für die Holz- und Ölgewinnung vergeben werden.

Der Strukturwandel muss begleitet werden

«Aus unserer Sicht ist es wichtig, ein verbindliches internationales Abkommen zum Schutz von intakten Mooren und zur Wiederherstellung von entwässerten Mooren zu treffen», sagte sie. Europa und Deutschland sollten andere Länder beim Moorschutz unterstützen. Schließlich habe Deutschland für den Schutz des Klimas und der Artenvielfalt große Summen zugesagt.

Mit Blick auf die Renaturierung sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt, «es gibt eine riesige Gefahr, dass das zum nächsten großen Streitpunkt zwischen Naturschutz, Klimaschutz und Land- und Forstwirtschaft werden kann». Länder und Bund müssten mit Geld und Strukturen diesen Kulturwandel begleiten. Das Stichwort hier lautet Paludikultur - die Bewirtschaftung nasser Flächen. Ein traditionelles Beispiel dafür ist der Anbau von Schilf für Reetdächer. Dieser Rohstoff wird derzeit zu großen Teilen importiert. Schilfrohr kann laut Experten auch zu Brenn- und anderen Baustoffen verarbeitet werden. Auch die Haltung von Wasserbüffeln wäre möglich.

Bislang rentiert sich die Umstellung für Landwirte etwa auf den Anbau von Schilfrohr aber nicht, auch weil spezielle Technik notwendig ist und Wertschöpfungsketten fehlen.

Und was kann der Verbraucher zum Moorschutz beitragen? «Unbedingt den Fleischkonsum reduzieren», sagte Bandt. Dieser Trend müsse in Deutschland weitergehen. Die Mehrheit landwirtschaftlicher Flächen werde für Futter und als Weide benutzt. Wenn man den Tierbestand senke, könne man auch mehr wiedervernässen. Beim Kauf von Blumenerde gelte außerdem: «Kein Torf in den Garten, der Torf gehört in die Moore und sonst nirgendwo anders hin.»

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