1. www.wn.de
  2. >
  3. Wn-aktion
  4. >
  5. Geschichte als Warnung

  6. >

Persönliche Gedanken zur Erinnerungskultur

Geschichte als Warnung

Erinnere dich! Ganze 169 Mal wird das hebräische Wort in der hebräischen Bibel wiederholt. Es ist ein Imperativ und fest ins Judentum integriert.

Marion Foerste,Schiller-Gymnasium

ARCHIV - 16.10.2020, Hamburg: Eine Rose liegt neben dem frisch verlegten Stolperstein vor dem "Kunstverein in Hamburg", der an den im Holocaust umgekommenen Arzt Julius Adam erinnert. Stolpersteine wie dieser erinnern an jüdische Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. Foto: Jonas Walzberg/dpa - Honorarfrei nur für Bezieher des Dienstes dpa-Nachrichten für Kinder +++ dpa-Nachrichten für Kinder +++ Foto: Jonas Walzberg

Seit einigen Jahren erlebt unsere Gesellschaft eine Zunahme von Gedenk-Aktionen, die sich auf den alljährlichen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar konzentrieren. Denn die Zeitzeugen sterben aus. Und das ist ein Problem. Erinnern muss persönlich sein, an individuelle Geschichten anbinden. Wer bereits einem Zeitzeugen gelauscht hat, weiß, dass einem da schnell die Tränen kommen.

Am Schillergymnasium konnten wir das bei dem Besuch von Halina Birenbaum selbst erleben. Viele Jugendliche, die diese Erfahrung nicht machen konnten, sehen das Gedenken als bloße Pflichtübung und fragen sich, welche Bedeutung es für nicht-jüdische Deutsche haben könnte.

Die Maxime lautet „Nie wieder“.

Nie wieder

Denn zu glauben, dass, was einmal geschehen ist, sich nicht wiederholen wird, wäre naiv. Für uns mag das Wissen um die Schrecken des Holocausts noch präsent sein, allerdings wird das nicht so bleiben. Eine repräsentative Umfrage von CNN von 2018 ergab eine Quote von 40 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 34 Jahren, die wenig oder nichts über den Holocaust wussten. Und schon zu Nazi-Zeiten hatte kaum einer das Ausmaß des Holocausts vorausgesehen. Wie kann man sich da heute sicher wähnen? Der Hass in unserer Gesellschaft wächst, Minderheiten fühlen sich zunehmend bedroht. Erinnerung ist unsere einzige Waffe, wenn es gilt Abgründe zu umschiffen. Dabei sollte uns die Geschichte als Warnung dienen.

Geschichte als Warnung

In meinem Hebräisch-Kurs am Schillergymnasium befassten wir uns damit, dass das jüdische Volk schon zu biblischen Zeiten wiederholt Verfolgung ausgeliefert war, wovon auch die jüdische Tradition des Erinnerns an vergangenes Leiden stammt. Vor etwa zwei Jahren besuchte ich dann die Synagoge in Münster, wobei ich zu meinem Erstaunen erfuhr, dass eine jüdische Gemeinde hier schon vor langer Zeit existiert hatte, allerdings immer wieder der Zerstörung anheimgefallen war.

2021 feiern wir 1700 Jahre belegtes jüdisches Leben und Schaffen in Deutschland. Im 12. Jahrhundert war auch in Münster eine prosperierende jüdische Gemeinde heimisch, welche über eine Synagoge, ein rituelles Frauenbad namens Mikwe und eine Verkaufsstelle für koscheres Fleisch im Stadtzentrum verfügte.

Marion Foerste

Allerdings wurde sie schon im Jahre 1350, als man Juden für Pestausbrüche verantwortlich machte, wieder vernichtet, der jüdische Friedhof am Ort des heutigen Gymnasiums Paulinum eingeebnet. Über fast drei Jahrhunderte ab 1553 existierte wegen Ansiedelungsverboten keine jüdische Gemeinde in Münster. Doch bei Machtübernahme der Nazis 1933 zählte sie über 700 Mitglieder. Wie beeindruckend, dass Münster, nachdem es 1943 für „judenfrei“ erklärt wurde, heute wieder eine lebendige jüdische Gemeinde beherbergt!

Wie sicher den meisten Münsteranern waren auch mir diese Zusammenhänge vorher nicht bewusst. Man sieht, Wissen um jene Schicksale bleibt nicht von selbst erhalten. Deshalb ist es wichtig, immer wieder daran zu erinnern.

Startseite