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Münsters Oberbürgermeister im Schüler-Interview

Markus Lewe: „Erinnern durch persönliche Begegnungen“

Für Oberbürgermeister Markus Lewe ist das gemeinsame Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit Schülerinnen und Schülern rund um den 27. Januar immer ein wichtiges Erlebnis. Mit drei Schülern hat sich der Oberbürgermeister virtuell zum Interview rund ums Gedenken verabredet. 

Vincenz Schierbrock, Aaron Sosna, Johannes Paziener

Klasse!-Interview mit Oberbürgermeister Markus Lewe zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2021 Foto: Screenshot Stadt Münster

In Zeiten der Corona-Pandemie soll das Zusammentreffen von Menschen möglichst vermieden werden. Wie gut, dass es digitale Möglichkeiten gibt, sich zu sehen und zu sprechen. So konnten sich Vincenz Schierbrock, Aaron Sosna (beide Gymnasium Paulinum) und Johannes Paziener (Pascal-Gymnasium) virtuell mit Markus Lewe zum Interview rund ums Gedenken verabredet. Mit dabei waren auch Kim Keen und Bettina Röwe, die den Gedenktag der münsterischen Schulen in Kooperation mit der Stadt Münster und der Bezirksregierung Münster koordinieren.

Der Oberbürgermeister von Münster erklärte, warum er eine digitale Erinnerungskultur nur in Ausnahmefällen gut findet, erzählte von persönlichen Begegnungen mit Zeitzeugen, von seinem Geschichtsunterricht in der Schule und seiner besonderen Wertschätzung für das gemeinsame Gedenken der münsterischen Schulen.

In diesem Jahr ist vieles anders. Wie läuft der Holocaust-Gedenktag für Sie ab? Was ist anders?

Lewe: Die Gedenkkultur darf in Zeiten von Corona nicht verloren gehen. Die Stadtgesellschaft und alle Menschen, die in unserer Stadt leben, werden gerade durch das öffentliche Gedenken an historische Ereignisse erinnert. Gleichzeitig werden sie auch gemahnt, darauf zu achten, dass sich solche niemals wiederholen dürfen. Vor ein paar Wochen habe ich mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Münster in einem Telefonat darüber gesprochen, wie wir in Zeiten der Pandemie der Reichspogromnacht gedenken können. Normalweise findet das Gedenken dazu in der Synagoge statt. Im Moment sind wir alle dazu angehalten, möglichst wenig Kontakte zu haben, gleichwohl ist es so, dass dieses Gedenken jedes Jahr erlebbar gemacht werden muss.

Und auch wenn dieses Mal alles anders ist, bin ich bin froh darüber, dass wir die Möglichkeit haben dieses Interview anlässlich des Gedenktags per Video machen zu können. Die Stadt Münster flaggt außerdem am 27. Januar 2021 an städtischen Dienst- und Schulgebäuden auf halbmast mit den Fahnen von Europa, Bund und Land als Zeichen der Trauer. Parallel dazu werde ich am Nachmittag des 27. Januar in Gedenken an die Opfer des Holocaust am Zwinger an der Promenade symbolisch einen Kranz niederlegen und in stiller Trauer den Opfern in einer Schweigeminute gedenken. Das mache ich wie auch schon meine Vorgänger jedes Jahr. Das ist mir sehr wichtig. Dieses Jahr werden wir es ohne Öffentlichkeit tun, das ist natürlich schade.

Sie haben schon einige Male an den Veranstaltungen rund um den Gedenktag teilgenommen. Welche Begegnungen schätzen Sie besonders?

Lewe: Das Format des Holocaust-Gedenktags mit Schülerinnen und Schülern im Rathausinnenhof gibt es ja noch nicht ganz so lange wie die Kranzniederlegung. Mein Eindruck ist, dass der Gedenktag durch die Beteiligung der Schulen eine ganz andere Dimension erfährt. Es ist insoweit spannend, dass die Schülerinnen und Schüler selbst nur durch den Schulunterricht, durch Erzählungen von Großeltern oder, sofern noch vorhanden, durch Urgroßeltern von den Ereignissen erfahren haben und sich damit mit einer Materie befassen, die für sie recht weit in der Vergangenheit liegt. Es ist gar nicht so einfach, ein Ereignis, das man selbst nicht erlebt hat, zu erfassen.

Es hat mich immer sehr beeindruckt, was die Schülerinnen und Schüler anlässlich des Holocaust-Gedenktages erarbeitet und im Rathausinnenhof gemeinsam präsentiert haben. Das waren Schicksale von Kindern und Jugendlichen oder Familien oder Einzelpersonen, die sehr authentisch beschrieben und präsentiert wurden. Es ist den Schülerinnen und Schülern zusammen mit den Lehrerinnen und Lehrern immer sehr gut gelungen diese Einzelschicksale darzustellen. Meiner Wahrnehmung nach herrschte im Anschluss bei allen Anwesenden immer eine tiefe Betroffenheit, auch bei mir. Es war mucksmäuschenstill, obwohl sich sehr viele Schülerinnen und Schüler im Rathausinnenhof versammelt hatten. Niemandem war zum Lachen zumute. Es war eine sehr würdige Gedenkkultur.

Können Sie dem digitalen Erinnern in diesem Jahr etwas Positives abgewinnen?

Lewe: Erst mal ist es wichtig, dass Menschen sich persönlich begegnen. Die einzige Form, durch die wir uns in der Pandemie sicher begegnen können, ist die digitale Begegnung. Für mich ist das im Fall der Erinnerungskultur eher die Ausnahme. Alles, was mit Emotionen, mit Trauer, mit Entsetzen zu tun hat, das kann man nur dann richtig wahrnehmen, wenn man die Reaktionen der Menschen in der unmittelbaren Umgebung spürt. Die Unmittelbarkeit ist durch nichts zu ersetzen, auch leider nicht durch digitale Formate. Ich bin aber froh, dass es diese Möglichkeiten gibt.

Oberbürgermeister Markus Lewe

Denn damit können wir zumindest in anderer Weise diesen Gedenktag leben, unsere Gesichter sehen und unsere Emotionen über den Bildschirm wahrnehmen. Aber es wird zukünftig wichtig bleiben, dass das öffentliche Leben nicht im digitalen Raum stattfindet, sondern dort, wo sich die Menschen begegnen, nämlich mitten in der Stadt.

Für wie wichtig halten Sie Gedenktage? Finden Sie es wichtig, dass Schulen auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges zum gemeinsamen Gedenken zusammenkommen?

Lewe: Ob 75 Jahre, 100 oder 200 Jahre, diese schrecklichen historischen Ereignisse werden immer ein Gedenken erforderlich machen. Viele Jahre habe ich mich immer wieder gefragt, wie so etwas passieren kann. In den ersten Jahren meines wissenden Lebens, als ich mit dem Holocaust konfrontiert wurde, konnte ich es mir nicht vorstellen, dass Menschen dazu fähig sind. Abschließend kann ich mir heute darauf immer noch keine Antwort geben. Aber es erschießt sich mir immer mehr, da in den vergangenen Jahren auch in unserem Land teilweise Haltungen bei einigen radikalisierten Menschen entstanden, bei denen ich mit Entsetzen feststelle, dass es doch keine Garantie dafür gibt, dass solche Ereignisse sich nicht wiederholen können.

Derart schlimme Ereignisse, bei denen Werte wie Demokratie, Freiheit, Toleranz, körperliche Unversehrtheit oder Gleichheit mit Füßen getreten werden. Deshalb ist es so unfassbar wichtig Gedenktage durchzuführen. Es ist keine reine Wissensvermittlung von Geschichte, sondern ist ein Mitempfinden, ein Miteinanderdasein, ein sich Miteinandereinschwören.

Die Schülerinnen und Schüler beispielsweise mögen noch so unterschiedlich sein, aber es eint sie als junge Menschen das Mitgefühl und der Wunsch danach, dass sich so eine dramatische Zerstörung von Leben und Werten niemals wiederholen wird.

Sie haben in Ihrer Rolle als Bürgermeister schon oft mit Überlebenden gesprochen. Wie wichtig finden Sie solche Gespräche?

Lewe: Solche Gespräche sind für mich, auch wenn sich das etwas komisch anhört, Lebensgeschenke gewesen. Ich habe es als unglaublich authentisch empfunden, wie mir die Menschen von ihren persönlichen Erlebnissen erzählt haben. Alle haben das mit einem gewissen Abstand erzählt.

Ich habe viel mit Ruth Frankenthal von der Jüdischen Gemeinde gesprochen, die leider vor einigen Wochen gestorben ist, ich habe mit Leslie Schwartz gesprochen, der zeitweise in Münster, zeitweise in New York lebte. Außerdem habe ich in unserer Partnerstadt Rishon LeZion mit einem Holocaust-Überlebenden gesprochen, der immer wieder nur von Versöhnung sprach. Die offene und liebenswürdige Art hat mich bewegt. Und ich erinnere mich an ein eindrucksvolles Gespräch mit Gabriel Bach, dem stellvertretenden Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann, später Richter am Obersten Gerichtshof in Israel. Er hat seine Erlebnisse und Erfahrungen in dem Eichmann-Prozess, insbesondere die Verhöre der Opfer, auf eine besondere Art und Weise beschrieben. Mich hat seine Offenheit sehr berührt. Auch in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hatte ich Kontakt mit Überlebenden und mit der Leitung der Gedenkstätte, wo ich auch sehr viel Offenheit erfahren habe.

Haben Sie selbst Opfer des Holocaust in Ihrem Bekanntenkreis?

Lewe: In meinem unmittelbaren Bekanntenkreis nicht, aber als Oberbürgermeister ist oder war mir der Kontakt zu Menschen, die den Holocaust erlebt haben, sehr wichtig. Ich habe immer großen Wert darauf gelegt Kontakt mit diesen Menschen zu haben und mit ihnen zu sprechen, nicht aus einem Voyeurismus heraus, sondern einfach um mit den Menschen Zeit zu teilen und um ein Stück von ihrer Geschichte mit in mein Leben zu nehmen. Ich bin dankbar für jedes Gespräch, das ich in der Vergangenheit führen durfte.

Sind Sie als Bürgermeister schon auf Holocaust-Leugner gestoßen? Wie gehen Sie damit um?

Lewe: Nein, ich kann mich nicht daran erinnern mit einem Holocaust-Leugner konfrontiert worden zu sein. Aber ich habe antisemitische Äußerungen und echte Antisemiten erlebt, teilweise auch von Menschen, von denen ich das niemals erwartet hätte. Wenn ich solche Äußerungen mitbekomme, werde ich unruhig, suche das Gespräch, in einem netten, aber gleichzeitig klaren Ton. Insbesondere weil mich solche Äußerungen sehr betroffen machen. Ich frage, ob die Person wirklich weiß, was er oder sie da sagt. Denn es werden Grundwerte in sehr großem Ausmaß beeinträchtigt und angegriffen, was theoretisch wieder einen Nährboden schafft für vergleichbare Ereignisse.

Haben Sie noch Erinnerungen an Ihren Geschichtsunterricht, speziell an die Stunden zur NS-Zeit, zu Hitler und dem Holocaust?

Lewe: Gute Frage. Ich erinnere mich daran, dass wir uns im Unterricht schon sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Für mich persönlich als 13-Jähriger kam der Durchbruch durch den Spielfilm „Holocaust –Die Geschichte der Familie Weiss“, der mich sehr betroffen gemacht und für das Thema sensibilisiert hat. Da ist mir klargeworden, wie nah die Geschehnisse doch sind.

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